Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘~ Schifffahrtsmuseum ~’ Category

Die Nachrichten von seinem Tod: Huck, Mark, Samuel und Tom (und Alexander, Andreas und Paul)

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Update zu Moby-Dick goes Huckleberry Finn
und The little mocking bird sang sweetly all the day:

Gentlemen: — Please do not use my name in any way. Please do not even divulge the fact I own a machine. I have entirely stopped using the Typewriter, for the reason that I never could write a letter with it to anybody without receiving a request by return mail that I would not only describe the machine, but state what progress I had made in the use of it, etc., etc. I don’t like to write letters, and so I don’t want people to know I own this curiosity-breeding little joker.

Yours truly,
Samuel L. Clemens.

Mark Twain to E. Remington Typewriter Company,
Hartford, March 19, 1875.

Dictating autobiography to a typewriter is a new experience for me, but it goes very well, and is going to save time and ‘language’ — the kind of language that soothes vexation.

I have dictated to a typewriter before — but not autobiography. Between that experience and the present one there lies a mighty gap — more than thirty years! It is a sort of lifetime. In that wide interval much has happened — to the type-machine as well as to the rest of us. At the beginning of that interval a type-machine was a curiosity. The person who owned one was a curiosity, too. But now it it is the other way about: the person who doesn’t own one is a curiosity.

In a previous chapter of this Autobiography I have claimed that I was the first person in the world that ever had a telephone in his house for practical purposes; I will now claim — until dispossessed — that I was the first person in the world to apply the type-machine to literature. That book must have been The Adventures of Tom Sawyer. I wrote the first half of it in ’72, the rest of it in ’74. My machinist type-copied a book for me in ’74, so I concluded it was that one.

That early machine was full of caprices, full of defects — devilish ones. It had as many immoralities as the machine of to-day has virtues.

Mark Twain: Unpublished Autobiography, 1904,
Villa Quarto, Florence, in: Harper’s Weekly, March 18, 1906.

Huckleberry DichterliebchenAlles an dem Manne ist zwei.

Das fängt mit dem Namen an: Samuel Langhorne Clemens wurde Mark Twain, das bedeutet wörtlich: zwei Faden Tiefe unter dem Rumpf eines Schaufelraddampfers, was wiederum bedeutet: Wenn das Uferpersonal bei seinem Nahen “mark twain!” rief, konnte sein Schiff sicher passieren — und das in seinem zweiten Leben, dem als Schreiber. Das erste behielt er bei: als Geschäftsmann, Ehemann und Vater. Die Hälfte Mark Twain wurde einer der Klassiker, die hundert Jahre nach ihrem Tod noch freiwillig, ja begeistert gelesen und verstanden werden.

Das ist heute. “Klassiker: ein Buch, das die Leute loben, aber nicht lesen” — das stammt von ihm wie bestimmt Hunderte anderer kurzer, knackiger Sätze, die ihm gern nur zugeschrieben werden, weil sie so schön knurrig-versöhnlich nach ihm klingen. Manchmal werden sie auch mit denen von Oscar Wilde verwechselt, es hat eben alles zwei Seiten.

Im englischsprachigen Volksgedächtnis haftet er wie Shakespeare und Lewis Carroll, selbst im deutschen ist er der Inbegriff eines schnucklig-romantischen Amerika geworden, dem man weder für den Bürger- noch die Irakkriege noch die als selbstverständlich angenommene Kulturlosigkeit böse sein kann: Den Negersklaven ging’s doch richtig gut! Und Lausbubengeschichten vom Mississippi sind ja was anderes als Musik mit Schlagzeug! Lösungssätze für Kreuzworträtsel liefert er wie sonst nur Wilhelm Busch, Kästner und Schiller.

Seine zwei stilprägenden Welterfolge waren die ersten Bücher, die ich im englischen Original gelesen hab; dem Jungwolf mangelte es am nötigen Gelde, und die Nürnberger Stadtbibliothek hatte auf Deutsch nur schmalbrüstige Kinderausgaben da. The Adventures of Tom Sawyer (1876) und Adventures of Huckleberry Finn (1884) dagegen in einem Band, complete and unabridged, wo ich noch nicht mal wusste, was abridge heißt, und nicht so kindisch mit bunten Bildchen von beschönigten prekären Existenzen aufgemacht, sondern eine abgegriffene, erwachsen wirkende Textwüste, älter als ich. Ich erinnere mich, dass ich die paar hundert Seiten durchgehalten hab, mit dem Pons Global in Nachschlageweite auf dem Bauch. Mein zweites Buch auf Englisch war dann Bukowski, dafür ließ ich mir alsbald von der Leipziger Verwandtschaft die DDR-Aufbau-Ausgabe Der berühmte Springfrosch von Calaveras von 1963 schenken (auf Amazon.de nur noch im Softcover bebildert), um eine Reihenfolge einzuhalten.

Der Unterschied zwischen Tom Sawyer und Huckleberry Finn ist ungefähr der zwischen Micky Maus und Donald Duck: der jeweils erstere ein kleiner Held aus dem einfachen Volk, Identifikationsangebot und pädagogisch taugliches Vorbild; die letzteren ihr struppigerer Widerpart — nicht etwa Gegner, nur Reibungsflächen als komplementäre Sidekicks. Und sogar beide in ihren Serien zuerst als Nebenfigur aufgetreten, danach wegen großer Nachfrage Hauptfiguren ihres eigenen Werks. Die etwas böseren Jungs auf der guten Seite, dadurch plastischer, schillernder, glaubwürdiger in ihrer mehrschichtigen Welt. Fand jemals einer Tom Sawyer besser als Huck Finn? Mag irgendwer Micky Maus?

Ersparen wir uns, die Lobreden auf Mark Twain und seine Jugendaufarbeitungen nachzusingen, die gerade zu seinem hundertsten Todestag die Feuilletons verstopfen; sie führen alle an, was Hemingway über den Huckleberry gesagt hat (soll ich’s sagen? — : dass es vorher “nichts” gab und nachher nichts Gleichwertiges mehr kam und dass es das beste Buch sei, das “wir” haben — außer Hemingways eigenen wahrscheinlich) und was sein Schöpfer doch für ein brillanter “Zyniker” war. Es stimmt alles, ist aber egal. Nehmen wir sachbezogen zur Kenntnis, was getan wird:

Mark Twain on Mississippi RiverDer Hanser-Verlag hat Sawyer und Finn in einem Band in neuer Übersetzung von Andreas Nohl vereint. Man hört nur Gutes darüber, es scheint wirklich grandios und überaus genießbar geraten — der Twain, hört man, fürs dritte Jahrtausend —, und man hätte von Hanser gar nichts Geringeres erwartet. Als Unternehmung, in Anspruch und Aufmachung erinnert das Opus stark an ihren neu eingerichteten Moby-Dick von 2001.

Und Alexander Pechmann hat Mark Twains Briefe erstmals auf Deutsch zu einer Biographie zusammengefasst: Sommerwogen. Eine Liebe in Briefen vereint vor allem die Briefe an seine Frau mit solchen, die den Entwurf vervollständigen. Pechmann hat sich vormals als Herman Melvilles neuester Biograph verdient gemacht, seine Unternehmung erinnert in Anspruch und Aufmachung stark an Daniel Göskes Materialsammlung Ein Leben von und über Melville.

Melville und Twain, die amerikanischen Ikonen — etwas scheint sie zu verbinden. Sicher das Stiften einer künstlichen neuen Welt für die geographische Neue Welt: Haben doch beide das Zeug zum Mythos und sind immerhin Klassiker geworden. Da lagen Themen herum, jemand musste sie aufgreifen. Und das Neue im Altbekannten, die frische Sicht auf allgemeinmenschliche Zustände konnten Zeitgenossen anrühren (in Melvilles Fall wenigstens den Verleger, in Twains Fall eine Menge Publikum, die zum zweitgrößten Bestseller der Zeit nach Uncle Tom’s Cabin reichte) und werden es wohl noch einige Generationen lang können.

Ferner teilten sich Melville und Twain den Verleger, Evert Duyckinck von Harper — übrigens auch mit Emerson, Longfellow und Poe; Harper besteht bis heute. Beider Romane wurden für reife Leser erfunden und als Kinderbücher zurechtgestutzt und vereinnahmt. Und wie Melville unternahm Twain seine Bildungsreise durch Europa und das Heilige Land, worüber vom letzteren mehr und entschieden besser gelaunte Zeitungsartikel, Romane und Vorträge entstanden als Melvilles langatmigstes Versepos der Welt. Auch das Bildungsideal der Europareise besteht noch unter ehrgeizigen Amerikanern.

In Italien interessierte ihn an Kunstschätzen hauptsächlich der Markusplatz, weil der nach dem Namenspatron seines Pseudonyms heißt, ansonsten mehr das nautische Geschick der Gondolieri. Seine Ciceronen nervte er mit der ersten Frage, ob die ganzen Leute, von denen sie ihm stolz erzählen wollten, doch nicht etwa schon tot seien.

Womöglich arbeitete er so auch am uramerikanischen, gerade in der Alten Welt volkstümlichen Bild des kulturlosen Amis. Wir wissen jetzt: Seiner Kultur mangelt es nicht, sie wendet sich nur gegen ihr falsches Verständnis.

Aus dieser betonten, stellenweise bis zur Pose aufgesetzten Volksnähe entspringt mein persönliches Lieblingsstück von ihm: The Awful German Language von 1880. Twains Stoffe sind ohnehin niemals erst durch ihre Benennung ins Leben getreten, sondern bilden es — vice versa — ab. Niemand kann ihm nachsagen, er hätte nicht versucht, dem Volk aufs Maul zu schauen, um es ihm gleichzutun. An der deutschen Sprache ist er mit launig allen vernünftig — lies: englisch — sprechenden Leuten mitgeteilter Verzweiflung gescheitert. Das Frappierende für den deutschen Leser ist die Sicht des Fremdsprachlers auf das Gestrüpp von endlosen Wörtern und ebensolchen Sätzen mit auseinandergerissenen Verben. Man muss weder Amerikaner noch Germanist sein, um auf die grotesken Aspekte der deutschen Sprache zu stoßen — aber so einsichtig und einsehbar, so erhellt und erhellend und dabei so pointiert wie der Innocent Abroad Twain hat’s seither keiner mehr gebracht. Praktischerweise ist die Satire ganz gut in ihren eigenen Gegenstand übersetzbar; online steht sie am handlichsten als Weblog-Eintrag aufbereitet bei Vitaly Friedman.

Die Ismael-Figur, die aus dem Nirgendwo kommt, tut, was sie will, geht, wohin sie will, sagt, was sie denkt, und erfolgreich das schafft, was sie als ihre Bestimmung erlebt — auch Huckleberry Finn ist so eine, und das macht ihn zutiefst amerikanisch. Die unverdrossen scheiternden Loser Ismael, Huck Finn und Donald Duck — dem Setting nach auch Django und alle anderen namenlosen Westerndorfbesucher europäischer Provenienz — leben den American Dream. Und es macht Spaß.

Nun wäre Samuel Clemens nicht Mark Twain, wenn das die einzige Sicht wäre.

Gleich im zweiten Kapitel von Tom Sawyer steht jenes Parade-Schelmenstück, das immer kommt, wenn irgendwas über Tom Sawyer kommt: wie er zur Strafe Tante Pollys Lattenzaun anstreichen muss, sich dabei einen Lenz macht und noch materiellen und sozialen Gewinn daraus zieht. Ein dramaturgischer Geniestreich, in dem sich die amerikanische Seele offenbar seit jeher wiedererkennt, und bei dem man jedes Mal wieder breit mitgrinst.

Das steht am Anfang. Im weiteren Verlauf treffen wir den stadtbekannten Säufer Muff Potter, den amoralischen Raubmörder Indianer-Joe, in ihr Schicksal ergebene Sklaven, korrupte und bigotte Honoratioren und nicht zuletzt einen vom alkoholkranken Vater verstoßenen kleinkriminellen Halbwaisen namens Huck Finn, der auf den einzigen anständigen Charakter auf dieser Geisterbahn in der Provinz von Missouri, den Bürgersohn Tom Sawyer, Einfluss nimmt, als ob das lustig wäre, besonders wenn man in diesem Milieu aufwachsen musste.

Ist es nicht. Aber man kann es idyllisch darstellen. Das Sequel Huckleberry Finn ist dann auch ungleich vielschichtiger, durchwachsener als Tom Sawyer, der tatsächlich fast als Sammlung von Kinderepisoden durchgeht. Genau richtig, um ziemlich viele Seiten und das inzwischen dritte Jahrhundert lang zu tragen. Mit diesen vergnüglichen Hits des Schreibers Mark Twain tingelte der Geschäftsmann Samuel Clemens durch einen Triumphzug von Lesereisen. Niemand von uns Heutigen war dabei oder könnte auf Bild- und Tonmaterial davon zurückgreifen — aber sich fragen, was er dabei über sein Publikum dachte, das er eigentlich nur getreulich abgebildet hatte.

Mark Twain and Dorothy QuickSehr viel schlimmer treibt er es in seinen späteren Büchern. Er etabliert als Stilmittel, lustig und übermütig anzufangen und dann immer düsterer zu werden, die Maulschellen der Sozialkritik kommen im Trojanischen Pferd humoriger Geschichten. Er schrieb unstrukturiert, atemlos und an allen Enden gleichzeitig — einer von denen, angesichts deren schieren Outputs man sich fragt, ob der denn nie wenigstens mal aufs Klo musste, dabei hatte er vor seiner Schreiberkarriere die nötige Lebenserfahrung zusammenerlebt, Drucker gelernt, nach Gold geschürft, Dampfer auf dem Mississippi von New Orleans nach St. Louis und zurück gelotst und als Journalist gearbeitet und war als Live Act ein unfehlbarer Kassenfüller für den Buchhandel, nebenbei auch noch treusorgender Ehemann, ein glühender Freund und Unterstützer aller Katzen, fleißiger Europareisender und, worauf alle Zeichen deuten, liebevoller Vater, und einzig als Investor für seine selbst erfundene Setzmaschine, deren Zeit noch nicht reif war, zu hitzig und folglich glücklos, und wenn’s am einen Projekt nicht recht vorwärts gehen wollte, schrieb er eben schnell am anderen weiter. Hier war er nicht zwei, hier war er die ganze Menschheit, die er für missraten und verloren hielt. Was musste in diesem Mann alles brodeln.

Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof fängt an als harmlose Satire aufs ach so finstere Mittelalter. Hintenzu stellt sich als Moral heraus, dass die Menschheit seitdem nicht vorwärtsgekommen, sondern rückwärts in einen Abgrund gestolpert ist. Am Schluss sind die Neuzeitlichen die Kriegsgewinnler, sterben aber am Leichengift der Selbstbesiegten. Man hätte stutzen sollen, als die Titelfigur Hank Morgan Werksmeister in der Hartforder Waffenfabrik von Samuel Colt war.

Die Briefe von der Erde gar waren dermaßen brandgefährlich aggressiv, dass sie erst 1963 veröffentlicht wurden, nachdem Clemens/Twains letzte Tochter Clara starb und der Nachlass frei wurde. — Satan wird auf die Erde strafversetzt und muss Berichte schreiben, die zu einer radikal hoffnungslosen Abrechnung mit allem geraten, was Moral, Trost, ja Leben heißt:

Wenn es ein Motto für [Gott] gab, so hätte es lauten müssen: „Laßt keinen Unschuldigen entkommen.“ Man denke daran, was er in der Zeit der Sintflut tat. Da waren Unmengen von kleinen Kindern, von denen er genau wusste, dass sie sich nicht das Geringste hatten zuschulden kommen lassen; aber ihre Angehörigen hatten es, und das genügte ihm. Er sah die Wasser steigen bis zu ihren schreienden Mündern, sah die wilde Angst in ihren Augen, das Flehen auf den Gesichtern der Mütter, das jedes (andere) Herz als das seine gerührt hätte; aber er ließ die kleinen Würmer ersaufen.

Mark Twain: Briefe von der Erde,
cit. nach Paul Stänner: Ein Yankee aus Connecticut, Deutschlandradio Kultur Berlin, 18. April 2010.

Remington Typewriter CompanyDer liebenswerte, mitreißende Stegreif-Rhetoriker und ansteckend lebendige Kauz mit wuscheligem Feuerkopf und Schnauzbart, die Einstein und Disney von ihm abgeschaut haben müssen, war ein schonungsloser Haudrauf — nicht, weil er in Wirklichkeit so viel Bosheit unterdrücken musste, sondern im Gegenteil: weil er das Menschengeschlecht, das seine, lieb haben wollte. Seine Düsterarien sind nie Ermunterungen zum Aufgeben, nur Darstellungen dessen, was längst passiert ist und von Anfang an so war. Die Hölle, die sein Wohnort und der seiner Lieben ist, war ihm nicht recht: Er wollte, dass es vorwärts geht und besser wird; Tom Sawyer ist das erste Schreibmaschinenmanuskript der Literaturgeschichte — klar: gelernter Drucker; über den fingierten Ich-Erzähler Huck Finn, den bildungsfernen, verwahrlosten Straßenjungen, hat er Südstaaten-Slang in die Hochliteratur getragen und damit vielleicht endgültig die amerikanische von der englischen Literatur emanzipiert. Heute hätte er wahrscheinlich gebloggt.

Zynismus ist kein großmäulig missmutiges Herumlästern, sondern eine der anspruchsvollsten philosophischen Richtungen, für die man eine gute Zeitlang gelebt und sich aufmerksam umgeschaut haben muss — daher “ein Vorrecht des Alters”, wie wir von Twain wissen —, das wurde schon immer unterschätzt. Und Pessimisten haben immer Recht, darum kriegen sie nie einen Gutenachtkuss. Dass er seine von Anfang bis zum Ende zärtlich geliebte Frau Olivia und drei seiner vier Kinder überleben musste, gab ihm den Rest. Kein Gott, kein Teufel, kein Weltall existiert, und erst recht keine Liebe in der Welt — mitt alledem konnte man noch irgendwie zurecht kommen. Nur vor solcher Ungeheuerlichkeit eines blind dreindreschenden Schicksals stand sein Witz wehrlos, hilflos, resigniert.

Samuel Clemens, nicht so sehr Mark Twain, hat am Ende eine Art Frieden damit gemacht, dass die Menschheit nun einmal verdammt ist. So ist der Mensch, hier steht er und kann nicht anders, Gott helfe ihm, falls es ihn überhaupt gibt, es ist, was es ist, finden wir uns damit ab oder sterben wir noch unglücklicher als unbedingt notwendig. Seine letzten, bittersten Texte sah er erst gar nicht mehr zur Veröffentlichung vor.

Es hat einen Grund, dass ich lieber von hier unten aus dem Grab spreche: Von hier kann ich frei sprechen.

Twain hat seine Bibliothek sorgfältig behandelt, seine Arbeitsweise ist schwer anhand von Anstreichungen und Eselsohren nachvollziehbar, weil es kaum welche gibt. Umso auffallender die eine in seinem Exemplar von Darwins Reisebericht von der Beagle, Journal of Researches — mit Tinte:

Can any plausible excuse be furnished for the crime of creating the human race? [Kann man sich für das Verbrechen, die Menschheit erschaffen zu haben, irgendeine plausible Entschuldigung ausdenken?]

Ein Vorwurf gegen Gott, nicht gegen einen Menschen, das muss man unterscheiden. Twains alte Zweiheit: Nicht, weil sich das ausschlösse — sondern weil es eine andere Seite ist.

1835 war ein Jahr, in dem der Halleysche Komet in Amerika vorbeischaute, da wurde Samuel Clemens (noch nicht Mark Twain) geboren. Am 20. April 1910 war der Komet das nächste Mal fällig, da wollte er sterben. Einen Tag später, am 21. April vor 100 Jahren, hat er es geschafft und behielt ein letztes Mal Recht. Eine seiner wenigen Sentenzen, die überlebt und dabei — ausnahmsweise nicht vor lauter Überstrapazierung — sich überlebt haben, ist deswegen gerade noch:

Die Zeitungen schreiben, dass ich sterbe. Das ist falsch. Ich würde so etwas niemals in meinem Leben machen. Die Nachrichten über mein Ableben sind stark übertrieben.

Vielleicht ändert sich innerhalb hundert Jahren ja doch das eine oder andere — oder beides.

Prost, Master Mark, prost, Mr. Samuel. Ihr werdet noch gebraucht.

Literatur:

Totenlied: Blind Willie Johnson: Shine On Me: Afromamerikanischer Südstaaten-Gospel, hat nicht unmittelbar mit Mark Twain zu tun, stammt aber aus seiner Mississippidelta-Gegend, atmet seine verzweifelte Fröhlichkeit — und wird genau ab der zweiten Hälfte knorriger und besser. Das hab ich eigens für hier zusammengeschraubt. Falls es trotzdem mal wieder gesperrt ist, gucken Sie die zweite Wahl von Rose Stone and the Venice Four and the Abbot Kinney Lighthouse Choir aus dem Coen-Remake Ladykillers 2004, da kriegen Sie noch Trouble of This World obendrauf. Das ist auch noch wirklich schön und gibt genügend was fürs Auge her, dass es Vollbild rentiert.

Bilder: The Living Daylight: More of Mark Twain’s, 4. November 2009;
Mark Twain and Dorothy Quick: Photowall Mark Twain in Quotations Book;
E. Remington Typewriter Company, 1904;
Videobild: FotoEdge: Gospel Lighthouse in Excelsior Springs, Missouri, 16. November 2008.

Huckleberry Dichterliebchen: Druckbleistift 0,5 HB und Rötel auf Moleskine, April 2010.

Written by Wolf

21. April 2010 at 12:02 am

The Roof Is On Fire (Burn Motherfucker)

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Update zu Streng dein Hirnkastl an, Glory. Glory und Geopfert:

Herman Melville in Battle-Pieces and Aspects of the the War, 1866,
nach Douglas Robillard, Hg.: The Poems of Herman Melville:

The House-Top: A Night Piece

July, 1863 – The Draft Riots

No sleep. The sultriness pervades the air
And binds the brain—a dense oppression, such
As tawny tigers feel in matted shades,
Vexing their blood and making apt for ravage.
Beneath the stars the roofy desert spreads
Vacant as Libya. All is hushed near by.
Yet fitfully from far breaks a mixed surf
Of muffled sound, the Atheist roar of riot.
Yonder, where parching Sirius set in drought,
Balefully glares red Arson—there-and there.
The Town is taken by its rats—ship-rats.
And rats of the wharves. All civil charms
And priestly spells which late held hearts in awe—
Fear-bound, subjected to a better sway
Than sway of self; these like a dream dissolve,
And man rebounds whole æons back in nature.
Hail to the low dull rumble, dull and dead,
And ponderous drag that shakes the wall.
Wise Draco comes, deep in the midnight roll
Of black artillery; he comes, though late;
In code corroborating Calvin’s creed
And cynic tyrannies of honest kings;
He comes, nor parlies; and the Town redeemed,
Give thanks devout; nor, being thankful, heeds
The grimy slur on the Republic’s faith implied,
Which holds that Man is naturally good,
And—more—is Nature’s Roman, never to be scourged.

 

Übersetzung Prof. Dr. Helmbrecht Breinig, Erlangen, in: Poetischer New York-Führer, 2005:

Das Hausdach: Ein Nachtstück

Juli 1863 – die Einberufungs-Unruhen

Kein Schlaf. Die Schwüle bleiern in der Luft,
Sie lähmt den Geist – Bedrückung, wie sie spürt
Der Tiger, gelbbraun, im Schatten des Gestrüpps,
Als Fieber seines Bluts, zum Raubzug drängend.
Unter den Sternen dehnt die Dächerwüste
Sich leer wie Libyen. Alles ruhig hier.
Doch immer wieder brandet aus der Ferne,
Gedämpft, Aufruhrgebrüll der Renegaten.
Dort, wo des Sirius Sengen Dürre brachte,
Glüht rot der Dämon unheilvoller Brände.
Die Ratten dieser Stadt – von Schiff und Kai –
Nehmen sie mit Gewalt. All jener Zauber,
Zivil und priesterlich, der jüngst durch Furcht
Die Herzen bannte, bess’rer Herrschaft unterwarf
Als der des Selbst, vergeht wie Traum; der Mensch
Wird um Äonen zur Natur zurückgeworfen.
Gegrüßt sei drum das dumpfe Dröhnen, dumpf
Und tot, das schwere Schleifen, wanderschütternd.
Der weise Drakon kommt im nächt’gen Grollen
Schwarzer Artillerie; kommt, wenngleich spät;
Bekräftigt Calvins Credo durch Erlass,
Die zynische Tyrannei aufrechter Könige;
Er kommt, und er verhandelt nicht; die Stadt,
Erlöst, dankt ihm devot, und ignoriert
Den Schandfleck auf der Republik Doktrin,
Wonach der Mensch gut von Natur aus sei,
Mehr noch, als Römer der Natur, niemals zu geißeln.

The part for the preisbewusste Grundkurs Englisch: Herman Melvilles Auseinandersetzung mit den Draft Riots, das sind: den New Yorker Einziehungskrawallen vom 13. bis 16. Juli 1863, vermutlich zeitnah niedergeschrieben und damit früher als die meisten Gedichte für seinen Band Battle-Pieces and Aspects of the War 1866.

Ein ungenannt bleibender nächtlicher Beobachter kommentiert das Geschehen vermutlich von Melvilles Hausdach in der New Yorker 104 East 26th Street aus (Manhattan Midtown South Central).

Reimloser Blankvers, häufig stark alliterierend, aber als durchgehaltenen Stabreim kriegt ihr das nur verkauft, wenn ihr in der letzten Klausur mindestens 13 Punkte hattet, in einem Referat mal Powerpoint eingesetzt habt oder das Klassenbunny seid.

Zu Herman Melville in Downtown New York City siehe die Walking Tour; zu den Unruhen siehe In the Shadow of Slavery, im Civil War Home und Mr. Lincoln and New York.

Wenn ihr den Mehrzweckraum kriegt, leiht euch euer Englischlehrer bestimmt mal Gangs of New York von Scorsese 2002 dazu, der ist voll krass: ab 16, extrem blutig, zehn Oscar-Nominierungen, zwei Golden Globes, Daniel Day-Lewis als harter Knochen, Cameron Diaz für die Jungs und für die Mädels DiCaprio. 160 Minuten, da kriegt ihr glatt zwei Doppelstunden rum. Conclusion of the part for the preisbewusste Grundkurs Englisch.

Melville bezieht sich in seinen Battle-Pieces stärker als sein Altersgenosse, Nachbar und Kollege Walt Whitman in seinen Hymnen an Lincoln auf konkrete Schlachten des Amerikanischen Bürgerkriegs. Die Draft Riots gehören als die bis dahin blutigsten Unruhen in der Geschichte des städtischen Amerika — übertroffen von den Indianergemetzeln — auch dazu, außerdem wurden zur Wiederherstellung der Ordnung Regimenter aus der örtlich nächstgelegenen Schlacht, der von Gettysburg unter Major General Dix herbeibemüht.

In New York wüteten die sozial Schwachen gegen ein Schicksal, das die Zerschlagenden bereits ereilt hatte: die unversehens eingetretene Wehrpflicht für den Bürgerkrieg, der des Bürgers nicht mehr war, von der man sich freikaufen konnte, aber wer in Five Points wohnt, bringt der 300 Dollar auf? Da schoss der ehemalige irische Kartoffelbauer auf seinesgleichen, der Deutsche auf den Deutschen und der Sklave, der als Söldner nur noch sein Leben etwas schneller zu verlieren hatte als auf dem Baumwollfeld, auf alle zusammen, die seinen Job wollten, wenngleich gegen ehrliche Bezahlung. Es war sicher ein unerfreuliches Bild. Dabei klingen 120 Tote eigentlich nach wenig; nicht in Zahlen fassbar sind das abgefackelte Waisenhaus für schwarze Kinder, die elf gelynchten Neger, dazu Polizisten und Milizionäre, die Tausende von obdachlosen Familien und der Sachschaden, worunter es mir immer so um das American Museum des frühen Pendants zu Walt Disney P.T. Barnum Leid tut. Die ganzen Unruhen samt ihrer Niederschlagung sind nicht der letzte Grund dafür, dass der Bürgerkrieg Amerikas Nationaltrauma werden musste.

Melville, der noch 1851 im Moby-Dick den demokratischen Gott gefeiert hatte, zeigt sich 1863 angewidert von der entfesselten Herrschaft eines blutdürstigen Mobs; “in code corroborating Calvin’s creed” meint die calvinistische Lehre von der Verderbtheit der Menschen. “Sirius”, der Hundsstern, deutet vermutlich auf die Hitze der Hundstage, verschärft durch die tagelangen Stadtbrände. “Drakon” ist der unleidig strafende griechische Gesetzgeber, der allein Abhilfe schaffen kann, klar. Die auffallend gehäuften Tierbilder sagen uns, dass solche Barbarei eher in den Dschungel gehörte denn in den Inbegriff der zivilisierten Stadt.

Die Vorstellung von der grundsätzlichen Güte des Menschen, auf der die amerikanische Verfassung aufbaut, ist in Trümmer gehauen — entweder von Melville oder von den Aufrührern, die er so missbilligt: Plötzlich unterstützt die Stadt, dass ihre freien Bürger und die Leibeigenen — wie im alten Rom — gegeißelt werden. Es ist alles eine große Verzweiflung an der natürlicherweise selbstbestimmten Existenz und über die Unzulänglichkeit menschlicher Moralvorsätze. Nicht mehr sehr demokratisch, was Melville da herunterbetet — jedoch nicht weiter verwunderlich.

Melvilles eigene Fußnote zu seiner Beobachtung, dass man rebounds whole æons back in nature, von Breinig nicht mitübersetzt, lautet:

“I dare not write the horrible and inconceivable atrocities committed,” says Froissart, in alluding to the remarkable sedition in France during his time. The like may be hinted of some proceedings of the draft-rioters.

Die drei Tage in New York wie der Hundertjährige Krieg. Wenn das keine Übertreibung ist, dann eine ziemlich starke Parallele. Und Melville ist in diesen Tagen nicht als besonders emotionaler, sondern dauerhaft bedrückter Mensch vorzustellen; The House-Top ist sogar noch eins seiner klarsten, nachvollziehbarsten Gedichte, in denen er sich eben nicht in absichtlich verschleiernden Chiffren ergeht: Nächste Stunde kriegen wir zum Vergleich Magian Wine.

Es ergeht abermals explizite Empfehlung für Helmbrecht Breinigs Poetischen New York-Führer. Der Mann forscht und lehrt in Erlangen, sieht recht umgänglich aus, und heute bereu ich’s, dass ich nie eine Veranstaltung von ihm wahrgenommen hab.

Weiß gar nicht, wieso mir das jetzt einfällt, aber “Holocaust” bedeutet ja zuerst mal “Brandopfer”. Das verwendet ihr mir in eurem Grundkurs bitte nicht oder habt es wenigstens nicht von mir, ja?

Soundtrack: Bloodhound Gang: Fire Water Burn (Donkey Version), aus: One Fierce Beer Coaster, 1996.

Written by Wolf

27. February 2009 at 5:51 am

Country Mermaid

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Update for Verschwinde aus meinem Leben, Baby:

Lo, Loneliness

Chorus: Cowgirl is yearning
Mermaid is burning
Cowgirl is dreaming
Mermaid is screaming.

1. Cowgirl went the stormy sea to look
Mermaid showed her how the country shook
Cowgirl tried a big ship out without her shoes
Mermaid can’t take boots on but she even got the blues.

Chorus: Cowgirl is yearning
Mermaid is burning
Cowgirl is dreaming
Mermaid is screaming.

2. Cowgirl called the winds and gave no damn two cities drowned
Mermaid watched her heart break, as the third one died she frowned
Cowgirl rode the whale and watered the electric bull
Mermaid can’t take step by step to unbreak the rule.

Chorus: Cowgirl is yearning
Mermaid is burning
Cowgirl is dreaming
Mermaid is screaming
(until the horizon was steaming).

Solo.

3. Cowgirl pushed three buttons and the sirens all went on
Mermaid pulled the sailors down their boats now three are gone
Cowgirl shot the sirens out but only hit the boys
Mermaid Mermaid save my soul but bring your toys.

Chorus: Cowgirl is yearning
Mermaid is burning
Cowgirl is dreaming
Mermaid is screaming. (Rep. ad lib., fade out)

Lo, Loneliness

Images: Ло: Loneliness, May 9, 2010;
Amanda M. Jansson: Small Dreams of, February 28, 2011.

Written by Wolf

25. November 2008 at 12:01 am

Aust/Geyer/Schirrmacher/Hegewald: Wer die RAF verstehen will, muss „Moby Dick“ lesen

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500. Beitrag

Elke faltet sich ihr Kino aus der Zeitung:

By art is created that great Leviathan, called a Commonwealth or State — (in Latin, Civitas) which is but an artificial man.

Thomas Hobbes: Leviathan. Zitiert von Herman Melville in den Extracts.

Elke HegewaldNachdem noch rechtzeitig zum 68er Jubiläumsjahr das großangekündigte und hochkarätig besetzte Filmwerk „Der Baader-Meinhof-Komplex“ landesweit in den Kinos angekommen ist, das in vorauseilendem Nominierungseifer schon als oscarträchtig ausgekräht wird,

nachdem allerorten die einschlägigen Premierenfeiern… hm, passender wohl die Ge- und Nachdenkveranstaltungen mit erlesenem Publikum verebbt sind,

nachdem gleichzeitig der Guru des Enthüllungsjournalismus Stefan Aust seine um 300 Seiten erweiterte, akribisch nachrecherchierte und reicher bebilderte 3. Auflage der Buchvorlage auf den Markt gebracht hat —

ist es wohl an der Zeit, dass auch Moby-Dick™ als unermüdlicher Jäger und Sammler endlich gnadenlos aufdeckt und dokumentiert, welche Rolle Melville, sein Terror-Wal und die Besatzung der Pequod in der Geschichte der RAF gespielt haben. Vor allem in ihrem konspirativen Untergrund. Wir berufen uns dabei wort- und auszugsreich 1:1 auf ein aufschlussreiches Interview, das Call-me-Ismael Aust den Herren Frank Schirrmacher und Christian Geyer von der FAZ am 22. August 2007 gab:

FAZ: Der Staat, das war in der Sprache der RAF ja nicht nur das Schweinesystem, sondern auch der Leviathan, die Maschine weißer Wal, der Moby Dick. Was hat es zu bedeuten, dass sich die RAF-Leute Decknamen aus „Moby Dick“ gaben?

Filmplakat zu Moby-Dick, 1956, via FAZAust: Gudrun Ensslin war auf diese Idee gekommen, sie hatte sich die Decknamen für die Gruppenmitglieder ausgedacht, um die Postüberwacher irrezuführen. Fast alle Namen entlehnte sie Herman Melvilles Roman „Moby Dick“. Der dämonische, monomanisch-rasende Kapitän „Ahab“ stand für Baader, „Starbuck“ für Holger Meins, „Zimmermann“ für Jan-Carl Raspe, „Quiqueg“ für Gerhard Müller, „Bildad“ für Horst Mahler, „Smutje“ für Ensslin selbst. Der Wal Moby Dick, schon im Buch eine Parabel, ein chiffrenhafter Symbolkomplex, wird hier noch einmal als Chiffre eingesetzt. Der Wal ist der Leviathan, und der Leviathan ist das Sinnbild für den Staat, den die RAF als die Pappmaske der trügerischen Erscheinungswelt zerschlagen will. „Ein künstlich Ding ist jener große Leviathan, der Gemeinwesen oder Staat (lateinisch: Civitas) genannt wird und nichts anderes ist als ein künstlicher Mensch.“ So lautet der in Melvilles „Moby Dick“ zitierte Eröffnungssatz von Hobbes’ Leviathan. Diesen Staat Leviathan, diesen weißen Wal, den haben die Terroristen jagen wollen. Bei der Jagd auf den weißen Wal ist jeder Irrsinn vorgekommen, den Sie nachher auch bei der RAF gefunden haben. Deswegen war das eine sehr, sehr passende Parabel für das, was die Terroristen taten. Die Charaktere, die in „Moby Dick“ beschrieben sind, passen tatsächlich sehr genau auf die einzelnen Figuren in der RAF.

Bleiben wir kurz bei Ahab als Baader.

Dann hören Sie zu Baader einmal dies: „Und sollte von Geburt an oder durch besondere Umstände hervorgerufen tief auf dem Grunde seiner Natur etwas Krankhaftes sein eigensinnig grillenhaftes Wesen treiben, so tut das seinem dramatischen Charakter nicht den geringsten Eintrag. Alle tragische Größe beruht auf einem Bruch in der gesunden Natur, des kannst du gewiss sein.“ So schreibt Gudrun Ensslin, Melville über Kapitän Ahab zitierend, an Ulrike Meinhof über Baader. Damit war tatsächlich sehr viel gesagt. Die Ensslin war ja eine hervorragende Psychologin. Sie hatte das Gespür dafür, dass Baaders Kampf gegen den Staat Züge eines metaphysischen Endkampfs trug, ähnlich jenen, die Kapitän Ahab beherrschten.

„Ich würde selbst die Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigt“, sagt Ahab über sich selbst. Und weiter: „Wie kann der Häftling denn ins Freie, wenn er die Mauer nicht durchbricht? Für mich ist dieser weiße Wal die Mauer, dicht vor mich hingestellt. Dahinter, denk ich manchmal, ist nichts mehr.“ Besser lässt sich die transzendentale Selbststilisierung der RAF wohl kaum formulieren.

Filmplakat zu Starbuck Holger Meins, 2001Sie werden das auch finden, wenn Sie hinter die anderen Decknamen schauen. Wie gesagt, Starbuck, der Erste Steuermann, war Holger Meins. Über Starbuck heißt es in „Moby Dick“: „Starbucks Leib und Starbucks unterjochter Wille gehörten Ahab, solange Ahab die magnetische Kraft seines Geistes auf Starbucks Gehirn ausstrahlen ließ; allein ihm war bewusst, dass der Steuermann trotz allem den Kriegszug seines Kapitäns in tiefster Seele verabscheut.“ Ja, so verhielt es sich wohl zwischen Holger Meins und Baader.

Und was spricht aus dem „Zimmermann“ als Deckname für Raspe?

In „Moby Dick“ baut der Zimmermann in einem fort Särge für die Opfer der Jagd nach dem weißen Wal, er schnitzt dem Kapitän Ahab ein neues Bein aus Walknochen und macht sich in jeder Hinsicht nützlich. Sie erfahren — das wusste Ensslin — nichts Unwesentliches über Raspe, wenn Sie bei Melville über den Zimmermann lesen: „Er glich den nicht selbst denkenden, aber höchst sinnreich erdachten und vielseitig verwendbaren Werkzeugen aus Sheffield, die, multum in parvo, wie ein — nur ein wenig angeschwollenes — gewöhnliches Taschenmesser aussehen, jedoch nicht bloß Klingen jeder Form enthalten, sondern auch Schraubenzieher, Pfropfenzieher, Pinzetten, Ahlen, Schreibgeräte, Lineale, Nagelfeilen und Bohrer. Wollten seine Vorgesetzten den Zimmermann als Schraubenzieher benutzen, so brauchten sie nur diesen Teil seiner Person aufzuklappen, und die Schraube saß fest; oder sollte er Pinzette spielen, so nahmen sie ihn bei den Beinen, und die Pinzette war fertig.“ Ist das nicht eine hinreißende Charakterbeschreibung?

Wie hat man eigentlich Horst Mahler chiffriert?

Fahndungsplakat nach RAF-Terroristen. Bundeskriminalamt Wiesbaden, November 1980, Haus der Geschichte, BonnDessen Tarnung sollte sich als die unheimlichste entpuppen. Ensslin hatte für Mahler, der sich ja dann zum Rechtsanwalt und NPD-Mitglied wandeln sollte, den Namen des Kapitän Bildad vorgesehen. Über den lesen wir bei Melville: „Und doch offenbarte der Wandel des würdigen Kapitäns Bildad bei allen strengen Grundsätzen einen Mangel an einfachster Konsequenz. Wenn er sich auch geschworen hatte, kein Menschenblut zu vergießen, so hatte er in seinem enganliegenden Quäkerrock das Blut Leviathans in Tonnen und Abertonnen vergossen. Wie der fromme Bildad nun am besinnlichen Abend seiner Tage diese Widersprüche rückschauend in Einklang brachte, weiß ich nicht; aber sie schienen ihn nicht sonderlich zu berühren, und höchstwahrscheinlich war er längst zu dem weisen und vernünftigen Schluss gekommen, dass für den Menschen die Religion eines ist und die reale Welt ein ganz anderes. Die Welt aber zahlt Dividenden.“ Wer die RAF verstehen will, muss „Moby Dick“ lesen.

Wenn wir Sie selbst mit der Erzählerstimme im „Moby Dick“ identifizieren dürfen, mit Ismael, dann wäre unsere Schlussfrage die: Was hat Stefan Aust, der Chronist der RAF, aus seiner intensiven Beschäftigung mit diesem Stück Zeitgeschichte für sich selbst mitgenommen?

Ich habe sehr viel über menschliche Verhaltensweisen gelernt. Ich habe eine Menge über Politik gelernt. Ich habe eine Menge über Gewalt gelernt. Ich habe eine Menge über die Gesetze von Gruppen gelernt. Ich habe eine Menge darüber gelernt, wie der Mensch in den Wahn gelangt.

Joaah, das hätte sich uns’ Herman wohl niemals nicht träumen lassen, in was er mit seinen braven Walfängern dereinst noch verwickelt würde. Aber wenn mans mal so ein bisschen sacken lässt? Sind solche Charaktermixturen am Ende darauf programmiert, mit vollen Segeln in den Untergang…?

Man darf ja gar nich aufhörn, Moby-Lesen zu predigen, sach ich.

Bilder: Filmplakat zu Moby-Dick 1956, via FAZ: Der Wal als Sinnbild des Staates, den die RAF bekämpfte;
Starbuck Holger Meins, 2001;
Fahndungsplakat nach RAF-Terroristen, Bundeskriminalamt Wiesbaden, November 1980, Haus der Geschichte, Bonn;
Lied: Reinhard Mey: Das Narrenschiff aus: Flaschenpost, 1998;
Film: Trailer Der Baader-Meinhof-Komplex, 2008.

Written by Wolf

30. October 2008 at 12:01 am

Hurre hurre, hop hop hop

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Update zu Schneller weiter klüger:

Sub conservatione formae specificae salva anima.

Raymond Lully, as used in Eleonora

The death, then, of a beautiful woman is, unquestionably, the most poetical topic in the world.

Edgar Allan Poe: The Philosophy of Composition, 1846.

Donna Ricci the Gothic Supermodel VintageLenor ist ein traditionsreicher Weichspüler, der Hausfrauen ein gutes Gewissen macht und damit abgehandelt sein soll, Lenore eine Ballade von Gottfried August Bürger.

Der Stoff stammt aus einer Volkssage über das Schicksal der Gräfin Eleonore von Schwarzenberg, die nach ihrem Ableben 1741 als Vampirprinzessin gespukt haben soll — also erst nach der Überlieferung durch das balladeske Gedicht An Leonoren von Johann Christian Günther 1720 –, erschienen 1774 im Göttinger Musenalmanach, überarbeitete Endversion 1789, Epoche Sturm und Drang, Grenzfall zwischen Sozial- und Naturballade, Anfang der deutschen Geisterballade, geradezu Inbegriff der Ballade überhaupt — so viel für die Stoffsammler für Gedichtinterpretationen unter uns.

Wer jemals selbst ein Gedicht wirkungsvoll gestalten wollte, merkt: Lenore rockt. Und zwar wegen der achtzeiligen Strophen in schmissigen Vagantenversen, davon die ersten vier in erzählenden Kreuzreimen, die folgenden vier in refrainartigen Paarreimen, das ergibt auch gesprochen einen Effekt wie “don’t bore us, get to the chorus”.

Obwohl Ballade von ballare kommt, was in mehreren romanischen Sprachen tanzen bedeutet, hatte Lenore weder als früher Balladenversuch von Günther noch als nachträgliche volksliedartige Vertonung viel Glück:

Der geneigte Leser wage es, auf Grund dieser Notation und die Bürgersche Dichtung in der Hand, diese musikalischen Spießruten zu laufen. Kommt er mit gesunden Sinnen davon, so mache er seinen Namen bekannt und die Nachwelt wird einen Heiligen mehr zu verehren haben.

sagt Franz Magnus Böhme 1895 in Volkstümliche Lieder der Deutschen. Vertonungen erlitt Lenore viele, berühmt geworden ist sie als Sprechtext in Rezitation und Druck, interpretiert wird sie als antiquierter Schulstoff, überleben wird sie als Kuriosität von großer, leider unfreiwilliger Komik: “Das Lied war zu vergleichen/Dem Unkenruf in Teichen.” (Bürger)

Und die Handlung erst! Achtung, Spoiler: “Lenore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Träumen”, trauert trochäisch-pathetisch ihrem Verlobten Wilhelm nach, der nicht mit den anderen Kriegsheimkehrern aus der Prager Schlacht zu ihr kommt, hadert darob mit dem Schicksal und Gott höchstselbst, in der Folge davon wiederum mit ihrer gottesfürchtigen Mutter, wird dann doch noch spätnachts von Wilhelm zu Pferde abgeholt, zu einer versprochenen Hochzeitsnacht entführt, schmiegt sich in Wiedersehens- sowie Vorfreude an ihren Verlorengeglaubten:

Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum’ und Hecken!
Wie flogen links, und rechts, und links
Die Dörfer, Städt’ und Flecken! –
„Graut Liebchen auch? … Der Mond scheint hell!
Hurrah! die Todten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Todten?“ –
„Ach! Laß sie ruhn, die Todten.“ –

Und als ob man’s nicht geahnt hätte, ist Wilhelm der Tod in Person und hat Lenoren ob ihrer Gotteslästerei geholt.

Wir treffen Lenore, gern auch als Leonore, wieder in Amerika, dem Japan des 19. Jahrhunderts, und hier bei Edgar Allan Poe, der die moderne Literatur aus dem Boden gestampft hat, aber deswegen nicht zwangsläufig auch noch die Erde fruchtbar machen musste. 1842 erschien seine Short Story Eleonora, ebenfalls die Geschichte von einer untoten Wiedergängerin aus Liebe.

Henry Sandham, Lenore, 1886Der Unterschied ist: Eleonora selbst, nicht ihr Geliebter, ist jetzt das Gespenst — was bei Poe oft vorkommt: sehr schöne, sehr junge, leider früh verstorbene Mädchen. Siehe Annabel Lee, Berenice, The Fall of the House of Usher, Ligeia, Morella, The Oval Portrait, Ulalume, selbst die Backstory in The Raven, alle von Poe — reicht das?

Exkurs: Tun Sie sich ruhig mal die überraschend aufschlussreiche Fachliteratur zu Totenromantik und Gothic-Ästhetik von Elisabeth Bronfen an: Die schöne Leiche: Weiblicher Tod als motivische Konstante von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Moderne, 1987; Over Her Dead Body. Death, Femininity and the Aesthetic, 1992, deutsch: Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik, Dissertation LMU München 1993, 1997, Neuauflage 2004.

Nein, es reicht nicht: Ein Jahr nach der Kurzgeschichte schoss Poe das Gedicht Lenore nach. Eddie the Divine! Der Meister gibt sich nicht mal Mühe, seine Quellen zu verschleiern, und recycelt Dramatis personae!

Der Inhalt: Totenwache bei einem sehr schönen, sehr jungen, leider früh verstorbenen Mädchen — gipfelnd in der Empfehlung, nicht über die Toten zu trauern, sondern sich für sie zu freuen, dass sie schon mal vorausgegangen sind und im Paradies aufs Weiterlieben warten. Und das ist untypisch für Poe: Normalerweise enden seine Totengeschichten in Verzweiflung, falls sie dort nicht schon angefangen haben. Schon typischer für Poe: bei Deutschen abzuschreiben; welche Schauermärchen allein von E.T.A. Hoffmann wir bei Poe wiederfinden, kriegen wir später mal.

1845: Ein großes Jahr für die Poesie, denn Poe veröffentlicht The Raven, nach begründeten Meinungen das beste Gedicht überhaupt. Gang der Handlung: Ein Stubengelehrter brütet über seinen Büchern und lässt einen prophetischen Raben in sein Studierzimmer, um seine verstorbene Liebe zu vergessen: the rare and radiant maiden whom the angels name Lenore (!)/Nameless here for evermore.

Tim Burton, Sleepy Hollow. Heads Will Roll, 1999 Movie PosterTreten wir noch ein paar Jahre zurück, zu einem, der ebenfalls die Short Story erfunden haben könnte, ein paar Jahre vor Poe, aber in seiner neuenglischen Nachbarschaft: Washington Irving. Das 19., das Jahrhundert der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, ohne die wir heute bei Ochsentalglicht mit dem Gänsekiel Sonette illuminieren statt bei den Segnungen der Pizzadienste zu bloggen könnten, war andererseits ein dunkel schimmernder Hintergrund für Schauergeschichten, Gothic Novels, Ruinenromantik, mittelalterlich inspirierte Todesbilder und sonstigen Spuk- und Gruselkram.

Washington Irving kennt und schätzt man heute vor allem für seine Legend of Sleepy Hollow, das war 1820. Darin kommt ausnahmsweise keine Lenore vor, aber genügend Motive aus Bürgers Ballade, vor allem die Liebe über den Tod hinaus und der untote Wiedergänger.

Und Irvings Kopfloser Reiter von Sleepy Hollow stammt aus dem rheinischen Sagenschatz über die Volksmährchen der Deutschen von Musäus, 1782–1786. Phantasievolle Gesellen, die todessehnsüchtigen Romantiker und Viktorianer.

Wenn man diese ganze Abschreiberei vor Einführung des Urheberschutzes nicht als ein Unwesen von entfesselten Plagiatoren betrachtet, sondern als Entstehung eines neuen Bestands an künstlerischen Motiven, wenn nicht einer ganzen Mythologie, sollte man ihnen dankbar sein, dass sie jeder für sich die Themen durchgesponnen haben. Liest man in die erst kürzlich wieder erreichbar gewordenen Radiofeatures von Arno Schmidt hinein — und wer wollte dem misstrauen –, hat Adalbert Stifter bis in den Wortlaut hinein bei James Fenimore Cooper abgeschrieben, und schon sind die Nationalliteraturen wieder quitt. Kinowirksam ist diese Gedankenwelt allemal; allein von Irvings schmaler Geschichte sind zwölf Verfilmungen gelistet — erklärtermaßen unvollständig.

Oder will jemand behaupten, Tim Burton hätte seinen heimelig blutspritzenden Film Sleepy Hollow – Köpfe werden rollen 1999 von Washington Irving gestohlen? Na also — eine legitime Adaption eines mythisch frisch verankerten Stoffes, in der die Quelle als klassisch geehrt wird.

Lenore the Cute Little Dead Girl, Cooties Collecting Issues 9-12 CoverEs geht noch weiter: Aus Bürgers Lenore, Poes Eleonora samt Lenore und Irvings Legende von Sleepy Hollow hat sich Roman Dirge bedient und den Comic Lenore, the Cute Little Dead Girl draus gemacht. Ganz frisch, seit 2007, er entsteht noch, bislang gibt es 26 Flash-Filme. Auch wenn sie sich auf etwas pubertäre Weise morbid gebärden, sind sie richtig gut gemacht, Abendfüllendes ist für 2009 angekündigt. Bürger hätte gestaunt. Freudig.

Der wäre doch der erste gewesen, der seine Ballade verflasht hätte. Überliefert ist, dass er bei seinem Vortrag der Lenore an der Stelle

Und außen, horch! ging’s trap trap trap

gern mit den Knöcheln seines Fingers unauffällig auf das Holz seines Rednerpults klopfte, woraufhin die Damen im Publikum vor Entsetzen über den schaurigen Effekt in Ohnmacht sanken. So ein Publikum wünscht man sich, gerade in Zeiten, wo schon die Poetry Slams längst belächelt werden. Die Mädels faden heute ja nicht mal mehr auf Rockkonzerten out, und wofern doch, sind sie nicht mehr stolz auf ihr Sentiment.

Die Reihe geht also: Gräfin Eleonore von SchwarzenbergJohann Christian GüntherGottfried August BürgerMusäusWashington IrvingPoe — nochmal Poe — abermals PoeTim BurtonRoman Dirge. Weniger da hinein gehört Beethovens einzige Oper Fidelio, die in den ersten zwei Fassungen mit drei Ouvertüren ab 1805 noch Leonore hieß, aber eine recht diesseitige Handlung fern aller Phantastik verfolgt. Auch die kanadische Musikerin Lenore lebt noch, Mazeltov.

Ist The Raven eigentlich außer in der berüchtigten 1976er Schnarchnummer von Alan Parsons Project je anständig vertont?

Bilder: Donna Ricci the Gothic Supermodel auf Myspace;
Henry Sandham: Lenore, 1886;
Paramount Pictures, 1999;
Cover Browser.

Written by Wolf

26. May 2008 at 1:24 am

(All together now:) Heathcliff!!

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Update zu Emmaline is sugar and spice and all things nice (available in English)
und Brontësaurus:

Haben Sie mal versucht, den Text zu verstehen? Und? Geschafft? Merken können? Und mit diesem Wissen versucht mitzusingen? Mitgehalten? Danach nur noch versucht mitzupfeifen? Wenigstens die Melodie gemerkt? Genervt aufgegeben und fortan mitleidig den überkandidelten Ausdruckstanz bespöttelt? — Willkommen im Club.

Aussichtslos, geliebt, gehasst, verehrt, verachtet, aber niemals mitgesungen (außer von ein paar Profis) seit 30 Jahren: Am 20. Januar 1978 erschien die Single Wuthering Heights von Kate Bush, ab 17. Februar Bestandteil ihres Debüt-Albums The Kick Inside.

Kate Bush 1978 in a boxDieser Text, hinter den man dann doch unbedingt kommen will, weil er offenbar von etwas anderem handelt als Ich-hab-dich-lieb, aus Sicht der seit langem verstorbenen Catherine Earnshaw, wie sie sich an ihren Peiniger wendet und alles in und an ihr zu ihm zurückdrängt; dieser in Schüben voranschlängelnde Rhythmus; diese Melodie, in der man kaum Strophe, Bridge und Refrain vorhersagen kann; dieses Micky-Maus-Falsett einer Besessenen! — Dieses Lied sperrt sich, sticht und spukt auf allen Ebenen. Hat jemals jemand bezweifelt, dass die achtzehnjährige Kate das Lied innerhalb weniger Sommernachtstunden mit Blick zum Dachfenster hinaus auf den Vollmond nicht irgendwie profan “schrieb”, sondern vielmehr: empfing?

Es geschah nach Inspiration durch den Film Wuthering Heights, es war die Verfilmung von 1970, das ist die mit Timothy “James Bond” Dalton, es waren deren letzte zehn Minuten, und es war nach der Erkenntnis, dass Kate Bush den Geburtstag mit Emily Brontë teilt, nur exakt 140 Jahre verschoben, der Schöpferin dieser unglaublichen Buchvorlage.

Eine Verkettung nachgerade diskordischer Zufälligkeiten, und in den Videos und den gut dokumentierten Fernsehauftritten tanzt sie wahrscheinlich satanische Botschaften rückwärts (der Blick! der Blick!), aber ich wüsste nicht, dass dieses Lied schon mal jemanden kalt gelassen hätte.

Damit wurde Kate Bush 19-jährig die erste Frau, die ein selbst komponiertes und aufgeführtes Lied vier Wochen lang auf Platz 1 der englischen und amerikanischen Charts halten konnte — ein Rekord, der sich seither nicht gerade wöchentlich wiederholt. David Gilmour von Pink Floyd entdeckt keine Luschen, die Besetzung von Alan Parsons Project arbeitet nicht mit Versagern zusammen. Maritimes Randwissen: The Saxophone Song, das zweite Lied auf The Kick Inside, wird von Walgesang eingeleitet.

Tori Amos 1992 in a boxSelbst Tori Amos, als Fee eben doch keine allschaffende Göttin, außerdem fünf Jahre jünger, beruft sich auf Kate Bush. Man glaubt es ihr, denn bösartig gesagt, kann sie genauso sphärisch Klavier klimpern und drei Oktaven zu hoch singen. Sogar Toris Themen wie Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und der Zusammenhang zwischen Patriarchat, Religion und Gewalt verblassen neben Kates frühen Vertiefungen in Geschwisterliebe, Atomkrieg und die Faszination der Zahl Pi. Dafür lebt Tori praktisch tingelnd, während Kate seit 1979 auf keiner Tournee mehr war. Irgendwie war sie trotzdem immer da, vor Tori Amos, vor Björk, ja vor Madonna gar (17 Tage jünger als Kate Bush).

Am 30. Juli 2008 wird Catherine Bush 50, Emily Brontë wird 190. Glückwünsche zum 30. von Wuthering Heights werden Frau Bush via ihre Fansite auf Myspace übermittelt.

Links:

Kaufen, kaufen, kaufen:

Bonus Track:

Single Wuthering Heights, 20. Januar 1978

Bilder: Kate in a box, 1978: El Vagon Alternativo;
Tori Amos in a box für Little Earthquakes, 1992: Everything Tori;
Single Wuthering Heights, 20. Januar 1978: Die offizielle Schweizer Hitparade.

Written by Wolf

20. January 2008 at 12:01 am

LiederJan Mayen und die Wahrheit über den alten Flegel

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Elke macht ein Update zu ihrem Und Jan Mayen, der alte Flegel:

Elke HegewaldKennt noch jemand Liederjan?

Ganz am Anfang der Siebziger, als sie noch Irish Folk sangen, nannten sie sich Tramps & Hawkers. Und dass deutsches Volksliedgut oder solches, das eins sein will oder könnt’, auch anders geht als im Musikantenstadl, haben sie in ihrer dreißigjährigen Bühnengeschichte fraglos bewiesen. Sie haben irgendwann sogar angefangen, selber welches zu schreiben. Und dürfen mit Fug und Recht den Titel dienstälteste deutsche Folkgruppe für sich beanspruchen. Obwohl der dritte Mann des Trios zugegebenermaßen in den Jahren mehrmals gewechselt hat. Zum vorerst letzten Mal und zugleich überaus augenfällig, als nach dem Tod eines der beiden verbliebenen Gründerväter (Anselm Noffke) 2003 die erste Lieder-Jana, die in Wirklichkeit Hanne heißt, die Truppe veredelte.

Ihr Markenzeichen sind der gepflegte Satzgesang und die Verwendung exotischer Streich- und Zupfinstrumente, die nicht nur den Mittelalteraffinen und -fininnen unter uns das Herz aufgehen lassen. Oder sind die Zeiten längst vorbei, da die unverbesserlichen Romatiker am Lagerfeuer gern ein Opus dieser Urviecher unter den Volksbarden zur eigenen Klampfe nachträllerten?

Jan Mayen View towards south as seen from the Beerenberg Glacier, picture postcardHa, und deren Angewohnheit, in verstaubten Büchern nach alten, vorzugsweise unbekannten Liedern fürs eigene Repertoire zu kramen, lässt sie nun gar in die Annalen des Moby-Dick-Blogs eingehen. Fiel ihnen doch auch die in norddeutschen Walgründen überaus bewanderte Glückstädterin Wanda Oesau und vor allem deren schmalbrüstiger Jan Mayen, der alte Flegel, in die Hände, hier als — wenn auch weitgehend vages — Fundstück längst verbloggt. Und — tadaaa! — sie haben ihn lebendig besungen, wahrscheinlich als erste und einzige nach den ollen Waljägern anno dunnemals. Auf ihrem antiken Scheibchen Mädchen, Meister, Mönche von 1978 nämlich:

Und Jan Mayen, der alte Flegel

Alle segeln nach dem Norden in das eisigkalte Meer
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Groß und stolz die Flagge wehet in der Luft am Großmasttopp.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick.
Rolle, ja rolle, rolle Schifflein hin und her,
tanze, ja tanze, auf dem weltbewegten Meer.

Joan Blaeu-Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita estZusammen mit dem “Grönländischen Wachtlied”, einem Einströpher zum Wecken der nächsten Wache, und “Unser Bootsmann”, einem derb-zotigen Spottliedchen auf einen solchen selben ist es dort in der Nummer “Wallieder” zu finden.

Mit diesem Fang erhellt sich uns auch schlagartig und auf überraschende Weise die Identität des alten Flegels. Entgegen naheliegender Vermutungen der Ahnungslos-Unwissenden – und auch wenn die Norwegen-Freunde jetzt aus dem Grinsen über mich überhaupt nicht mehr rauskommen – ist der aktuelle Jan Mayen nämlich kein besoffener Maat von der Art des soeben bespöttelten Bootsmanns. Ein unwirtliches Eiland ist’s, gelegen sehr, sehr nördlich, zwischen Grönland und Spitzbergen, und den alten Walfängern als Wegweiser auf stürmischer See dienend:

Und Jan Mayen, der alte Flegel, ist passiert mit einem Blick…

sangen sie in ihrem Shanty, wenn sie, womöglich in den Wanten schindernd, an ihm vorbeisegelten. Hei, doch seinen Namen hat es von einem Walkapitän, wie der finstere Ahab einer war: dem Niederländer Jan Jacobs May van Schellinkhout (genannt Jan May), der sich zwischen 1614 und 1635 gelegentlich auf der Insel herumtrieb.

Ismael und seine Kameraden haben Jan Mayen Island nie gesehen, jedenfalls nicht auf der Jagd nach Moby Dick. Die Pequod segelte auf der andern Seite der Welt entlang, gen Süden. Und endete irgendwo da hinter Australien…

Aber dafür kann der alte Jan Mayen nix.

Bilder: Vidar’s Jan Mayen Page;
Joan Blaeu (Amsterdam 1596—1673):
Insula Qvæ Ioanne Mayen nomen sortita est;
RGBfoto.
Film: Liederjan: Auswandererlied, WDR Folkfestival, 1978.

Written by Wolf

13. January 2008 at 12:01 am