Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for January 2009

Mit einem alten Eichenbett (Der Krieg war aus)

with 3 comments

Update zu Vorabendvorstellung:

Hast du Tripper, Syph und Schanker,
bist du noch lang kein Kranker.
Erst wenn das Dingens kracht und zischt,
hat es dich erwischt.

Volksgut, ab ca. 1939.

Extrabreit waren mal Big Shots in der Neuen Deutschen Welle, die auch schon wieder erschütternd lange her ist, wobei man sich schon blöd genug vorkommen muss, wenn man sich als Punkband versteht. Nachdem sich Horst-Werner Wiegand und sein Nachfolger im Gesang Kai Havaii lange genug blöd dabei vorgekommen waren, vor einer Halle voll Halbglatzenträger “Hurra, hurra, die Schule brennt” zu johlen, erzählt letzterer heute lieber von kurz nach dem Krieg. Die Krächzestimme ist noch frisch.


Extrabreit: Besatzungskind direkt.

So erfährt man endlich mal von Kai Havaii das englische Wort für Amischnalle: Veronika Dankeschön:

Der Name ‘Veronika Dankeschön‘ stammt aus einer Broschüre der US-Army von 1945 zum Umgang mit den besiegten Deutschen und bezeichnete deutsche Frauen, die sich mit GIs einließen. Die Initialen standen für ‘venereal disease‘, also Geschlechtskrankheit. Ich fand diese Story interessant und habe dann in “Besatzungskind” meine eigene draus gemacht.

Außer in diesem überaus konstruktiven Randgruppen-Outing ist der schrecklich-schöne Frauenname von amerikanischer Seite belegt: am gültigsten bei Raingard Esser: Language No Obstacle: war brides in the German press, 1945–49 (Women’s History Review, Volume 12, Number 4, 2003):

The need to make a living – often not only for themselves, but for dependants too, in a situation of extreme poverty and shortages – also created another, less favourable image of post-war German women. Fräulein Veronika Dankeschön became the wayward sister of the Trümmerfrau. In American military circles Veronika Dankeschön was a euphemism for venereal diseases and their spread in almost epidemic proportions, particularly among the American occupation forces in post-war Germany. Prostitution was widespread and very welcome to ordinary soldiers. For obvious reasons, army officers and American government officials were less pleased with these developments and launched an aggressive media campaign against prostitution and German–American sexual relations in their zone. In countless cartoons and articles Veronika Dankeschön was depicted as a disease-ridden seductress. She was “at best” naively immoral and hungry for sex, “at worst” an Aryan siren who used her sexual powers to undermine the American victory through an attack on the soldiers’ morale and virility.

Darüber hinaus in Anja Schonlaus Dissertation Syphilis in der Literatur, 2005 — wonach der Name speziell für Syphilis und somit in einer Reihe mit den seit der Renaissance bekannten Euphemismen steht, die Promiskuität dem jeweils nächstöstlichen Volk zuschreiben: In England heißt Syphilis Französische Frankheit, in Frankreich Deutsche Krankheit, in Deutschland Polnische Krankheit und in Polen Russische.

Noch kompakter äußert sich Lexikologie/Lexicology von D.A. Cruse, ebenfalls 2005, im Eintrag über Veronikas:

Veronikas, ‘prostitutes’ (from Veronika Dankeschön = VD), Ami-Flittchen, -Hure; hoarding and smuggling criminalized the population whose Wirtschaftsdelikte were still tried according to Nazi laws.

Was immer im Osten so verrucht sein soll, hätte mich aufrichtig die erwähnte Broschüre, das Instrument der besatzerischen Aufklärung, nun ja: gejuckt.

“Jimmy kam aus Tennessee und er landete in der Normandie” — und noch fünf Monate bis zum 65-jährigen D-Day. Schon wieder sowas, das man feiern könnte, wenn man müsste.

Lied: Extrabreit: Besatzungskind, aus: Neues von Hiob, 2008.

The Veronicas

Eichenbett: Lisa & Jess, The Veronicas (“Take Me on the Floor“), Brisbane, Queensland, Australien, 2009.

Written by Wolf

30. January 2009 at 12:01 am

Posted in Wolfs Koje

Karl Valentin: Taucherlied

with one comment

Wer am Ende ist, kann von vorn anfangen, denn das Ende ist der Anfang von der anderen Seite.

Karl Valentin als Minnesänger, karl-valentin.deGemeinhin werden die Couplets von Karl Valentin zu seinem Frühwerk gerechnet, die erste Niederschrift des Taucherliedes ist jedoch von 1941 datiert; nach einer Abbildung seines Auftritts scheint es allerdings “schon” 1939 in seiner eigenen Ritterspelunke einen Vortrag erlebt zu haben. Da war er 57 und weitgehend am Ende.

Couplets wurden von den ab Mitte des 19. Jahrhunderts besonders in München aktiven Volkssängern vorgetragen — meist in Arbeitergaststätten und Bierhallen ohne abgesetzte Bühne. Eine Identifikation des Vortragenden mit seinem Publikum wurde dadurch geradezu erzwungen, ihre Themen wählten sie daher gern so, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Zustimmung “kleiner Leute” stießen. Zu Karl Valentins Zeit war die große Zeit der Volkssänger vorbei, auch wenn heute eher die Vertreter des Genres aus dieser Endzeit bekannt sind (Georg Blädel, Kathi Prechtl, Bally Prell, Ida Schumacher, Weiß-Ferdl pp.), weil von ihnen Tonträger existieren. Valentin führte experimentelle und sozialkritische Elemente in seine Komödie ein. Damit konnte sein Wirtshauspublikum zuerst nichts anfangen, aber immerhin hat er es mit diesem tragikomischen, verkauzten und verdrehten, dem Dadaismus nahestehenden, höchst eigenständigen Humor zum Stilbegriff “valentinesk” gebracht. Sein Nachname, darauf hat er Wert gelegt, spricht sich “Falentin”, nicht “Walentin”.

Das Taucherlied parodiert den traditionellen Moritatengesang auf die Melodie des — wahrscheinlich — Südtiroler Volksliedes “Wer das Scheiden hat erfunden, hat ans Lieben nie gedacht“, die aus dem russischen Sten’ka Rasin stammt. Eins der drei erhaltenen Typoskripte trägt den Zusatz in der Hand von Liesl Karlstadt: “mit Drehorgel”. Ein anderes: “Text von Karl Valentin — Melodie: Wer das Scheiden hat erfunden (FDur mit Harmonium — Drehorgel Imitation evtl. mit Violine falsch geigen.”

Das Lied wurde nie aufgenommen. Dies ist die erste Veröffentlichung außerhalb einer Gesamtausgabe.

Taucherlied

Von Karl Valentin 1941.

Melodie: Wer das Scheiden hat erf.

1.

Ein Beruf hat Schattenseiten,
Geld verdienen ist sehr schwer,
Deshalb muss der Taucher runter
In das tiefe, tiefe Meer.

2.

Ja, der Taucher, dieser arme,
Steiget in das Meer hinab,
Dass der Reiche sich kann schmücken,
Bricht er drunt Korallen ab.

3.

Wenn der Reiche liegt im Bette,
Schafft der Taucher unterm Meer,
Wo hätt’ denn König und Kaiser
Seine Perlenkrone her?

4.

Wenn ein Schiff im Meer versinket,
Untergeht mit Mann und Maus,
Zieht der Taucher anderntages
Alle tot vom Meer heraus.

5.

Oefters ist’s schon vorgekommen,
Dass der brave Tauchersmann,
Weil er krank war, gar nicht tauchte,
Und dem sichern Tod entrann.

6.

Horch, die Totenglocke läutet,
Wer wird heut gestorben sein?
‘s ist der Tauchersmann, der gute,
Sein Grab soll im Meere sein.

7.

Seine Frau und seine Kinder
Sind betrübt und weinen sehr,
Haben nun kein Brot zu essen,
Denn der Vater tauch nicht mehr.

8.

Und sein Grab, das war’n die Wellen
In dem tiefen, weiten Meer,
Und die Witwe stand am Ufer,
Doch der Taucher kam nicht mehr.

Quelle: Karl Valentin: Sämtliche Werke in acht Bänden. Herausgegeben auf der Grundlage des Nachlaßbestände des Theatermuseums der Universität zu Köln, des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek München sowie des Nachlasses von Liesl Karlstadt von Helmut Bachmaier und Manfred Faust, Band 2: Couplets. München, Zürich: Piper Verlag 1994. Neu in 9 Bänden zu Karl Valentins 125. Geburtstag als Band 2: Mich geht’s ja nix an, 2007.

Bild: Karl Valentin als Moritatensänger: Masken und Posen, die einzige von der Familie Karl Valentins autorisierte Website.

Written by Wolf

29. January 2009 at 2:00 am

Der arme Belsazar

leave a comment »

Elke hat Kapitel 34: An der Kajütstafel gelesen:

Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden.

Abraham Lincoln

Elke HegewaldIch nehme mir mal – ganz undefiniert – die Freiheit, mich heuer bei Tische, respektive in unserem sinnbildlichen Meer nach dem unlängst besungenen Walfischprinzip zu betragen. Zumal das melvillesk ist, wie uns unser Käpt’n glaubhaft referiert hat. Und weil dem Anschein nach die Walgründe dieses Kapitels von meinen Waljägerkollegen schon weitgehend abgefischt sind.

Zum Glück scheint ja jeder von uns sein ganz eigenes Walfischprinzip zu haben. Oder, um (joah, sind wir Melvilleasten oder sind wir Melvilleasten?) mal ein anderes Bild zu bemühen: Jegliches, das wir lesen, schicken wir durch das ganz private Prisma in uns drin. So dass das helle Licht unserer Gedanken, das hinter dem eingesogenen Plankton aufscheint, darin im höchstpersönlichen (Blick-)Winkel, am eigenen Wissen, Erinnern und Vergleichen gebrochen und reflektiert wird. Kopfkino im besten Sinne – und das ist gut so, bei aller Vorgabe.

Ich such also mal halbwegs zu sortieren, was mir beim Nachfischen noch so ins Netz gegangen und wohin meine abseitigen Lesestrahlen gefallen sind.

Ritter der Tafelrunde

Es fängt an wie stinknormaler Schiffsalltag an Deck und ist wohl auch einer. This means seinen Verrichtungen nachgehen, ‘ne ordentliche Positionsbestimmung vornehmen, sich bekochen und bedienen lassen, Essen fassen, je nach Rangordnung mit dem armen Teigkopp seine derben Späße treiben oder auch nicht. Und schon erhebt sich die erste Frage: ob denn auf einem Walfänger wie der Pequod die Anstellung eines Stewards eine Personalunion mit dem gängigen Smutje darstellt, der die für ein Walfangschiff immerhin wohl recht fürstlichen Fütterungen gemeinhin auch noch selber ausheckt, statt sie lediglich zu kredenzen. Wissen wir doch spätestens seit der Herrschaft des Londonschen Seewolfs oder so, dass die Typen in der Kombüse in aller Regel Sonderlinge sind und allerorten schon gern mal die Suppe auslöffeln müssen, die den wilden Kerlen nicht schnell oder wohlschmeckend genug auf den Tisch kömmt. Was sich wiederum, so oder so, häufig auf ihren Charakter auswirkt.

In der Begünstigung des Attentats auf die Sonne durch Herrn Jendis vermute ich eher einen Übersetzungslapsus denn einen Vorgriff auf Ahabs trutzige Ansage. – Oder benennen das die Insider gar mit diesem Translator-Terminus? Gehört hab ich es so jedenfalls noch nie und gäbe hier auch der Rathjen-Version den Vorzug.

Was die beiden in den Tischsitten verfremdet angelegten Gesellschaftsentwürfe des feudalen Sultanats und der frantic democracy angeht, die Jürgen ja bereits sehr eingängig abgehandelt hat, so ist das ja alles gut und schön, aber irgendwas stimmt an denen trotzdem nicht, da hat er Recht, der Jürgen.

Das augenscheinliche Offiziersritual, einander der Rangfolge nach an die Tafel zu rufen, das bewusst zelebriert und ganz praktikabel erscheint, motiviert ja durch die Anwesenheit ihres finsteren Kapitäns vielleicht noch das ehrfürchtige bis unterwürfige Schweigen der nachrangigen Chargen von gestandenen Seebären am Tische. Zu dem Melville beiläufig sogar einflicht, dass der Alte Tischgespräche keineswegs untersagt habe (Jendis, Seite 252). Doch erklärt es irgendwie in keiner Weise die übermäßig sklavische Befindlichkeit des kleinen Flask – von der muss wohl irgendwas aus ihm selber kommen. Und solches, nachdem er noch an Deck seinen Gang zur Tafel geradezu clownesk vorbereitet hat. Präventives Kompensationsverhalten oder was?

Als sei das nicht dicke genug, avanciert er aus lauter Angst, unbotmäßig zu sein (die ihm offenbar auch kein Schwein abverlangt – außer er selber), gar zum vor sich hin hungernden butterless man. Tsss… da lässt uns unser hausheiliger Schreiber so einiges zum Walfischen offen, mein lieber Schwan! Sollte dieses gar an den Anweisungen der noch höheren Obrigkeit liegen, der der gute Flask gleichfalls blind ergeben ist? Ich musste dabei nämlich wieder an die bigotte und zu (Lach-)Tränen rührende Abschiedsrede des alten Bildad in Kapitel 22 denken, wo der so inständig an die moralischen Tugenden und die Sparsamkeit der Männer – auch in Butterfragen – appellierte.

Jajah… und unsere herzerfrischenden frantic Demokraten und edlen Wilden mitsamt ihrer ganzen urwüchsigen Lebensfreude und der Anlage, selbiges auch noch in vollen Zügen genießen zu können, ohne dass hemmende Schranken ihnen was anhaben können? Die fastbeinah schon dem Jedem-nach-seinen-Bedürfnissen-Dingens frönen? Was malträtieren die ihren dienstbar schlotternden Oberkellner so arg? So hätt das ja nich mal der Kommunismus wollen gewollt, glaub ich. Aber hey, es ist Melville, der muss uns das Leben nicht auch noch erklären. Oder wie sagte es Jürgen so schön?

Überhaupt hab ich – ihr wisst ja, wie gern ich spinn – mich während dieses ganzen großen Fressens und vorsichtigen Bissenzählens gefragt, ob es nicht mit dieser Kapitänstafel noch eine andere Bewandtnis hat. Schließlich fängt man doch gleich an, im Kopf Bilder umzublättern mit diversen anderen Tafelungen und bacchantischen Gelagen, die schon seit biblischen Zeiten gern hergezeigt werden – wenn nicht noch viiiel länger. Ihr nicht? Siehstewoll, ich sag doch, ich spinne. Und ‘ne Antwort hab ich auch nicht.

Doch wenn einem bei der Fressorgie der Harpuniere nicht umgehend, nun, kein kannibalisches Festmahl am Südseestrand, doch eine ausgelassen fressende, bechernde und rülpsende Ritterbande des Mittelalters vor Augen steht, dann weiß ich auch nicht. Über deren berühmteste des König Artus, der ja die runde Tafel erfunden haben soll (aus Gründen, die der Ahabschen Ritterrunde wohl zuwidergelaufen wären), heißt es, dass an ihr gespeist, beraten und sich vergnügt wurde. Sie hat vom alten Geoffrey Chaucer über Sir Thomas Malory, Shakespeare, Heine etc. bis Monty Python Generationen von Schreiberlingen inspiriert – warum nicht auch Melville?

Die Runde mit den Jüngern zum letzten Abendmahl mag man vielleicht nicht unbedingt hierher zitieren. Und ob es die heuer allseits beliebten Kapitänsdinner auf Kreuzfahrtschiffen in großer Abendgarderobe und müt lüppenspützendem Büssenzählen damals schon gab, weiß kein Walfänger nich.

Rembrandt van Rijn, Belsazar

Doch wo der Wolf sich schon in so dankenswerter Weise um die Einführung neuer Gestalten verdient gemacht hat, wartet da noch eine mitsamt ihrer schwelgenden Tafelrunde, die bei Melville zur Beschreibung von deren Erhabenheit oder Hoffart herhalten darf. Der erwähnte Belsazar nämlich. Genau genommen gab es derer sogar zwei und er meinte sie beide: der erste, seines Zeichens König von Babylon so um Fünfhundert und paar Zerquetschte vor Christus, muss demnach die Erhabenheit des Tafelvorsitzes zelebriert haben, ist aber langweilig. Der andere war ein Sohn des biblischen Nebukadnezar und das Beispiel für die Hoffart. Denn er entweihte bei einem wilden Festmahl die Gefäße Jehovas, die sein sauberer Vadda aus dem Tempel in Jerusalem geklaut hatte, und ließ sich aus ihnen vollaufen. Woraufhin umgehend eine unheilvolle Flammenschrift an der Wand erschien, die im Suff… öh, Quatsch, weil eine überirdische Unheilverkündung, kein Mensch außer dem Propheten Daniel zu lesen vermochte – das Menetekel.

… Belsazar ward aber in selbiger Nacht
von seinen Knechten umgebracht.

schrieb später Heinrich Heine in seiner Ballade zum Ereignis. Nun, fallllls Herman uns hiermit auch eine – sehr vage – Vorahnung bedeuten wollte, eins ist sicher: Ahabs Ritter und Knappen dürfen ihre Hände in Unschuld waschen – wir wissen ja schon, wer’s war.

Bilder: King Artus: Die Tafelrunde;
Rembrandt Harmenszoon van Rijn: Das Gastmahl des Belsazar, 1635.
Film: Knights of the Round Table, aus: Monty Python and the Holy Grail, 1975.

Written by Wolf

26. January 2009 at 12:10 am

Posted in Steuerfrau Elke

Before Sunrise

with 4 comments

Das sind die schönsten Kneipen heute: in denen man noch — oder muss es heißen: wieder? — rauchen darf. Und die bis 5 Uhr in der Frühe geöffnet haben. Die von einer einzigen Bedienung geschmissen werden — das ist kein Job für eine demotiverte Ein-Euro-Kraft, sondern für eine Fee. Und in denen du nach zehn Jahren wieder eingelassen wirst, als ob du nie draußen gewesen wärst, wo dich noch der größte Teil der Gästeschar kennt und sich einer nach dem anderen um ein paar Minuten Audienz zu dir gesellt an das heute noch durchgebumstere Kneipensofa — denn es gibt eins, das seit damals nur auf dich gewartet hat — in denen noch die selbe Fee wie damals regiert, und sie sich sogar dich als letzten Gast zum Hinauskassieren aufhebt. Solche muss man erst mal finden. Am besten benutzt du die aus deiner Jugendprovinz weiter, wenn du sie nach zehn Jahren besuchst.

“So, jetzt komm ich zu dir.”

Sabina mit a lässt sich neben mich aufs Sofa plumpsen und rummelt sich zurecht. Befreites Ächzen.

“Bild dir bloß nix ein”, sagt sie, “ich komm bloß nicht mit dem Block an deinen Platz. Kannst du vielleicht bitte mal deine ambulante Dichterstube aufräumen? Danke.”

“Für dich immer. Sogar in diesem Ton.”

“Welchem Ton schon wieder? Ich sag sogar noch bitte, von welcher Fachkraft hast du das früh um viertel sechse zuletzt gehört?”

“Du hast immer noch dein Kommando-Bitte-Danke drauf wie vor zehn Jahren.”

“Tägliches Training, mein Bester. Was machst du überhaupt inzwischen so?”

“Das willst du früh um viertel sechse wissen?”

“Als Schnelldurchlauf bitte. Du hast die ganze Nacht lang nichts anderes erzählt.”

“Nichts, wonach mich die Leute nicht ausgequetscht hätten.”

“Böse, böse heimatliche Inquisition.”

“Ich nenne es Audienz. Bei meinen Eltern war ich nicht.”

“Die leben noch?”

“Wollen wir es ihnen wünschen.”

“Der verlorene Sohn hat wenigstens bei seinen Eltern vorgesprochen, als er nach zehn Jahren mal daheim vorbeigeschaut hat.”

“Warum heißt er dann immer noch verlorener Sohn?”

“Aus dem gleichen Grund, warum du immer noch als einziger Sabina mit a zu mir sagen darfst.”

“Aha — das hast du gehört?”

“Hör ich irgendwas nicht?”

“Bestellungen nach Hühnersuppe?”

“Die ist so ein Aufwand…”

“Du heißt doch noch so — oder hast du geheiratet?”

“Hab ich. Aber schon wieder geschieden.”

“Wer war denn der temporär Glückliche?”

“Den kennst du nicht.”

“Heißt der jetzt auch Sabina mit a?”

“Nö, hat seinen Mädchennamen wieder.”

“Der vor…” — ich rechne mit allen zwanzig Fingern — “zwölf Jahren da drüben auf den Tisch gereihert hat…?”

“Ja, mein Gott, und den ich dafür nicht rausgeschmissen hab, sondern ihm den Platz freigewischt, Mut zugesprochen und einen Kaffee aufs Haus gemacht hab.”

“Mit Amaretto!”

“Nur kein Neid.”

“Sowas heiratet man doch nicht.”

“Hab ich nach zwei Jahren auch eingesehen.”

“Zwei Jahren gleich?”

“Ach, Akademikerehen…”

“Mich wolltest du ja nicht.”

“Hast du vielleicht gefragt?”

“Mit jedem Wort.”

“Die waren alle so verwaschen.”

“Auf Wasserschlucker gehst du doch erst recht nicht.”

“Und du so?”

“Danke der Nachfrage. Als ob du nicht die ganze Nacht meine Lebensgeschichte ein paarmal zusammengelauscht hättest.”

“In allen Versionen.”

“In allen freigegebenen.”

“Die sind frustrierend genug.”

“Was fragst du dann?”

“Servicetraining, das sagt man halt so.”

“Du hast eine Ausbildung für diesen… für diese Parodie auf einen… also für das, was du seit zehn Jahren…”

“Sag jetzt nicht Falsches.”

“Also gut: für das, was du seit fünfzehn Jahren machst.”

“Sechzehn.”

“Entschuldige.”

“Gern geschehen. Du hast doch auch keine Schreibausbildung.”

“Du meinst, außer der Zeit in der Werbeagentur?”

“Ey, voll das Praktikum, Alder ey.”

“Und als Freelancer übernommen worden!”

“Fast so gut wie Festanstellung.”

“Nur effizienter.”

“Nicht zu vergessen deine selbstständige Zeit.”

“Und studiert.”

“Germanistik, hm? Weil kein Numerus Claudius drauf war.”

“Ich würd’s wieder tun.”

“Um unfallfrei ein Buch lesen zu können.”

“Und auf euren mickrigen Tischen jederzeit ein Büro zu eröffnen.”

“Das war ja leicht. Jetzt zeig mal, wie schnell du’s auflösen kannst.”

“Ein Löffelstiel. Es ist weniger geworden seit Eröffnung. Irgendwer hat mir einen Druckbleistift gestrapst.”

“Au weh. So einen für acht Mark?”

“Stärke HB, 0,7.”

“Die besten.”

“Deine Empfehlung vor zehn Jahren.”

“Zwölf.”

“Beherzige ich bis heute.”

“Du bist so gut.”

“Und du rechnest auch immer noch in Mark.”

“Fühlbare Währung.”

“Es ist immer genau ein Buch, das nicht mehr zurück in den Rucksack passt.”

“Hey, der ist gut, den nehmen wir nächstes Jahr für den Februar.”

“Reicht der Platz jetzt für deinen raumgreifenden Rechnungsblock, du Servicekraft?”

“Früher hast du mich eine Fee genannt.”

“Und heute bist du glücklich geschieden und darfst nicht übermütig werden.”

“Welches Buch passt denn nicht mehr rein?”

“Das beste.”

“Moby-Dick.”

“Northwestern-Newberry.”

“Es soll keiner sagen, dass du dir nicht selbst treu bleibst.”

“Es ist Alchimie. Ich bin auf der Suche nach dem idealen Buch.”

“Lernt man das nicht in Germanistik?”

“Nicht mal auf Marketing- und Vertriebsassistent für Buchhandel und Verlage.”

“Den Titel kannst du jetzt aber langsam aussprechen, hm?”

“Langsam nicht mehr.”

“Kein Wunder, ist ja schon halb sechse.”

“Ist ja gut! Reichen zwanzig Öcken?”

“Das hättest du gern.”

“Die zwanzig Öcken? Och, da steh ich drüber.”

“Alter Schnäppchenjäger. Einundvierzig fuchzig bitte.”

“Damit’s nicht so aufgerundet aussieht, oder was?”

“Und Spielraum für Trinkgeld bleibt, du Fuchs.”

“Sagtest du nicht, du denkst noch in Mark? Dann kämen die zwanzig ungefähr hin.”

“Und bleibt sogar noch was übrig. Gib mir vierzig und wir reden nicht mehr drüber.”

“Stimmt so.”

“Geht doch.”

“Was ist denn das ideale Buch? Ich brauch was zu lesen.”

“Sabina mit a. Das ist ungefähr so, wie wenn du in die Parfümerie kommst und fragst, womit man sich hier waschen kann.”

“Weiß schon. Glaubst du, meine kulinarischen Künste werden hier gewürdigt?”

“Hühnersuppe?”

“Schinken-Käse-Baguette.”

“Die zieht solche Fäden.”

“Du sollst sie ja auch bei dir behalten.”

“Das ist meine kulinarische Kunst.”

“Jetzt weiß ich, warum deine Eltern nicht mal mehr fragen, ob du kommst.”

“Das ideale Buch, teure Freundin, beinhaltet Moby-Dick, und zwar dreimal.”

“Weil man bis zum Schluss sowieso vergessen hat, was am Anfang war?”

“Damit man das Original mit der Überserzung direktvergleichen kann.”

“Auf Doppelseiten parallel?”

“Du bist ein kluges Mädchen.”

“Welche Übersetzung?”

“Friedhelm Rathjen und Matthias Jendis.”

“Ich bin ein kluges Mädchen und kann schon bis zwei zählen.”

“Daher dreimal.”

“Das wird aber schwierig mit den Doppelseiten.”

“Was glaubst du, wieso ich immer noch keinen Verlag hab?”

“Allein deswegen — hätte ich nie bezweifelt.”

“Und weil die Illus von Rockwell Kent dazwischen müssen. Und zwar alle.”

“Geht nix mit Aufklappseiten?”

“Wie der Centerfold? Ein Popup-Buch über dreieinhalbmal achthundert Seiten?”

“Das kann nicht mal ich im Kopf rechnen.”

“Und du könntest es auch nicht in deinen Rucksack stopfen.”

“Plus Anmerkungsapparat.”

“Und zeitgenössische Kritiken.”

“Auch alle.”

“Und Seemannsglossar.”

“Und Billy Budd.”

“Und Bartleby.”

“Im Original und ein oder zwei Übersetzungen.”

“Und die Gedichte.”

“Einschließlich Clarel.”

“Gut, dass der nur einmal übersetzt ist.”

“Bis jetzt!”

“Dann ist ja noch Platz für ein paar CDs voll Einlesung.”

“Nicht unter Christian Brückner.”

“Wo denkst du hin.”

“Es läuft auf die Sämtlichen Werke hinaus.”

“Nämlich die von Herman Melville.”

“Muss man das dazusagen?”

“Fürs Exposé schon.”

“Seit wann denkst du so adressatenbezogen?”

“Als ob ich kein Akademiker wäre.”

“Deshalb brauchst du die Geschäftsfrau in mir.”

“Kommentiert und illustriert und mit erschöpfendem Begleitmaterial möbliert.”

“Lesebändchen, im Schuber.”

“In Walhaut gebunden?”

“Nein, das gibt schlechtes Karma für die Alchimie.”

“Du bist begabt. Warum sind wir eigentlich weder Kollegen noch verheiratet?”

“Fängst du wieder an?”

“Na gut, ich hab so viele Jobs, auf die eine oder andere Tour bin ich jedermanns Kollege.”

“Wenn es dich beruhigt: Ich hab ja auch all die Jahre auf dich gewartet.”

“Sag bloß, der Portwein…”

“… ist aus der gleichen Flasche, die du vor zehn Jahren angefangen hast.”

“Wird nicht viel verlangt, hm?”

“Seltener als Hühnersuppe.”

“Musst du davon reden?”

“Einen zur Verdauung?”

“Hab ich die Flasche nicht geschafft?”

“Ich hab noch eine.”

“Zehn Jahre länger abgelagert, als draufsteht.”

“Und in zehn Jahren willst du auch wieder was.”

“Du bist so ein Schatz.”

“Eine Fee, wie du zu deinen charmanten Zeiten anzumerken beliebtest.”

“Was ist mit den drei Wünschen?”

“Werd nicht unverschämt. Mit deinen vierzig Steinchen fährst du ganz gut.”

“Fünfzig.”

“Prost, Alter.”

Es ist dann noch ein sehr schöner Morgen geworden.

Jubliäumssoundtrack: The Muffs sind volljährig! Erster Auftritt am 25. Januar 1991
in The Shamrock, Los Angeles: I Don’t Like You.

Written by Wolf

25. January 2009 at 1:43 pm

Posted in Mundschenk Wolf

And in a moment of weakness and loneliness

leave a comment »

Kaleidoscope

On the coast
I built my heart
Out of sand

You came by boat
While the sun rose
You settled down
And took my heart

You drank too much
I ran too fast
We looked through a kaleidoscope

Then the sun set
And the tide was out
You left

Where is my heart

Anois & Ahoimeisje, 2005.

Comic: Randall Munroe: Friends, November 2008.

Written by Wolf

22. January 2009 at 2:49 am

Posted in Wolfs Koje

First Song (Und Die Indianer Kriegen Amerika Zurück)

with 11 comments

Update zu Country Mermaid:

1. All of this Verkettung nennt man Leben,
sogar so was wie last nights.
Thar she blows, so was soll’s geben:
several philosophers kept saving my life.

Chorus: Es wird nie ein Ende finden. Wir suchen ja auch nie.
I depend on you, but not even I on me.
This is not the last song, it feels rather like the first.
Ich wünsch uns, dass du lächeln kannst am Meer, wenn du mich singen hörst.

2. Wenn ich schon dabei bin, I better run like hell
to get over it, ahead, one level higher, out and through,
into dieselbe, und zwar pretty fucking schnell,
denn ich hab, Honeybunny, nicht mehr so viel Zeit wie du.

3. Die Zeit heilt alle Wunden, sie schleift nur nicht die Narben ab.
A Wolf is a disease, which is caught by too much running.
I caught a spiritual wolverine by the songs die ich geschrieben hab:
Alles wie die frühen Tocotronic oder Funny van Dannen.

Das Lied ist zur Vertonung freigegeben. Den allzu sicheren Lacher, dass irgendwas mit Haschisch vorkommen muss, werde ich mir auch in anstehenden Überarbeitungen verkneifen; ist doch voll Hans Söllner.

Grumpy redhead: Al Moore, April 1949.

Written by Wolf

20. January 2009 at 1:50 am

Posted in Vorderdeck

All that we see or seem

with 4 comments

Update zu Moby-Dick goes after Arthur Gordon Pym:

Es gibt Gedenktage, die sind zu groß, um an ihnen herumzubegründen: Entweder weiß man sie zu würdigen oder eben nicht.

Edgar Allan Poe ist 200.

Edgar Allan Poe Daguerrotype 1848

Virtuelle Geburtstagsfeier bei James Russell Lowell und Cynthia.

Daguerrotypie: W.S. Hartshorn, Providence, Rhode Island: Edgar Allan Poe, 9. November 1848,
in the Library of Congress, Digital ID cph.3a52078.

Lied: Der Rabe, von einem ungenannten Klampfobarden eingesungen in der einzig wahren Übersetzung von Arno Schmidt.

Written by Wolf

19. January 2009 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf