Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for September 2006

Nennt uns Ismael

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Jetzt neu in der Blogroll: die Google-Group Ishmailites, die von der Melville Society ausgeht. Alles voller Akademiker, gar nicht uninteressant.

Wenn man dann noch den Leviathan dazuabonniert, nimmt das mit der Recherche ganz schöne Formen an…

Here's looking at you, sailor

Written by Wolf

30. September 2006 at 5:51 am

Posted in Reeperbahn

Ismael danach oder Man weiß es nicht und wozu auch

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Mir war, als blicke ich vom Gipfel des Pisga hinab in die Wälder des alten Kanaan. Ein puseyitisches Gemälde von einer Madonna mit dem Kinde, das eines der unteren Fenster schmückte, schien die einzigen Bewohner dieser Wildnis – die richtige Hagar mit ihrem Ismael – darzustellen.

Das ist aus “Die zwei Tempel”, genauer: gegen Ende des ersten Tempels in der verdienstreichen Übersetzung von Mummendey, in dem sich der Ich-Erzähler in jenen Tempel hat einsperren lassen, um heimlich einem Gottesdienst beizuwohnen, und damit von 1854.

Wie fühlt sich ein Schreiber, der drei Jahre nach seinem ersten opus magnum das Vorbild für seine damalige Hauptfigur noch einmal verwendet, diesmal als kurz aufblitzende Nebenfigur?

1854 wusste Melville noch nicht, wie das so ist, wenn sich die eigenen Kinder erschießen. Auch mir darf sich das gern so lange wie möglich verschließen, ich glaube aber nicht, dass es Balsam fürs Ego ist.

Sind Romanfiguren Schreibers Kinder? Bei einem Alter Ego, das ein Monument von einer metaphysischen Seefahrergeschichte lang durchhalten musste, liegt die Vorstellung nahe. Als Leser kann man den Ismael aus Moby-Dick mögen oder nicht oder irgendwas dazwischen, und der Ozean wogt weiter. Aus Sicht des Schreibers genauso, aber sicher war er Blut von seinem Blut.

Leicht vorzustellen, dass Melville beim Abfassen fraglicher Stelle in The two Temples leise gegrinst hat: Da is er ja nochmal; ganz tot zu kriegen is er nicht, mein einziger Überlebender der Pequod, und schau an, als sein eigenes Urbild schreibt er sich heut hin.

Von glimmender Hoffnung handelt dann auch spätestens der zweite Tempel. Gerade nach den ganzen Verrissen für Moby-Dick nebst Nachfolger Pierre, die Melville wegstecken musste, ein tröstliches Unterfangen. Spekulation gibt nie Sicherheit, aber doch: Es muss tröstlich sein, nie mit dem Schreiben aufzuhören.

Ein Linguistik-Dozent hat mal an einer Arbeit von mir bemängelt, meine Behandlung einer bestimmten Problemstellung bleibe in der Verwunderung darüber stecken. Klavier spielen soll er gehen. Ich bleibe nicht stecken, ich werfe auf. Oder nennen wir es wenigstens ein erschauerndes Verweilen vor der Schönheit solcher nicht weiter auszuräumenden Ungewissheit.

Ismael der andere

Written by Wolf

29. September 2006 at 1:51 pm

Frühstück & Straße: Wolf hat das 5. & 6. Kapitel gelesen

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So sind sie, die Menschenfresser: Wenn sie schon ihre Frühstücksgenossen unangeknabbert lassen, muss es wenigstens was Blutiges geben, das möglichst noch zappelt.

Früshstück in der FremdeIm übrigen muss er ja einen schönen Eindruck von den so überaus Zivilisierten kriegen, zu welchen zu gehören er so guten Willens ist, und die ihm so ein eloquentes Beispiel abgeben. Beim Frühstück Maulaffen feilhalten, das muss man nicht lernen, das kann man von selber.

Was offenbar gerade ein Hobby von mir wird: Spuren von Frauen bei Melville nachzuweisen. So fruchtlos ist das auf einmal gar nicht. Auch auf der Straße der Walfanghafenstadt findet sie der Ismael an allen Ecken und Enden – “und die Frauen von Bedford, sie blühen wie ihre eigenen roten Rosen. Rosen aber blühen nur im Sommer, wohingegen das liebliche Rosarot ihrer Wangen das ganze Jahr über währt, so wie der Sonnenschein im siebenten Himmel. Anderswo Blüten zu finden, die diesen gleichen, wird euch nicht gelingen, außer in Salem, wo der Atem der jungen Mädchen, wie man mir sagt, derart nach Moschus duftet, dass ihre Matrosenliebsten sie Meilen vor der Küste erschnuppern” – es ist doch einfach herzig, wie der Mann noch eine Nase voll vom Duft der Mädchen mitnimmt (nach Moschus! Ismael, Sie erlesenes Ferkel!), bevor er sich aufs Meer begibt, das bestenfalls von allerhand kratzigen Mannsbildern befahren wird, die vor lauter Alarmbereitschaft nie zum Waschen kommen.

Und die Stelle merk ich mir als Gegenmittel, falls mir demnächst einer mit latenter Homosexualität auf der Pequod kommt – womit ich fest rechne.

Das unausweichliche Stück Bildungshuberei, das ich mir gar nicht erst zu verkneifen versuche: Der Mr. Mungo Park von Seite 75 kommt nicht nur ausführlich im erwähnten Anmerkungsteil vor, sondern vor allem als Hauptfigur von “Wassermusik“, was der erste Roman von T.C. Boyle und unser nächstes Sammelleseprojekt wert ist – weil der Gute und der Böse mit jedem Kapitel mehr die Plätze tauschen.

Written by Wolf

29. September 2006 at 1:18 pm

Posted in Steuermann Wolf

Gut gefrühstückt zum Stadtbummel: Elke hat das 5. & 6. Kapitel gelesen

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Elke sagt:

Also, wenn ihr mich fragt, finde ich Ismaels und erst recht Melvilles Tempo, dem wir mit unserer eigenen Gemächlichkeit folgen, durchaus angemessen. Und zwar auf zweierlei Weise:

Zum Ersten haben Ismaels Erlebnisse so einen Touch von Echtzeit: man fühlt sich, in seiner kuscheligen Sofaecke hockend, doch selber mittendrin und voll dabei in diesem wilden Haufen raubeiniger Kerle. Die es furchtlos mit jedem noch so großen Wal aufnehmen, und diese erwartet munter lärmende Frühstücksrunde – schau an! – auf einmal scheu und schweigsam hinter sich bringen. Ja, auf den Weltmeeren herumzukommen, heißt halt mitnichten, weltgewandt und umgänglich zu sein. Im Gegenteil steht es zu vermuten, dass diese Walfänger und Abenteurer in ihrer Mehrzahl eine Schar von Sonderlingen und Einzelgängern sind, auf hoher See durch ihren gefährlichen Job zusammengeschweißt und dem normalen Leben so fern und entwöhnt wie nur irgendwer.

Und ich hab ja, wo wir doch längst um die hintergründige Psychologelei Melvilles in seiner Sicht auf die Welt wissen, noch einen ganz andern Verdacht: dass er damit nicht nur diese Tafelrunde meint…

Und zum Zweiten haben diese Erzählweise und Ismaels Beobachterposten, auf dem er sich ja nun im Einzelkapitel (im Gegensatz zu mir) weiß Gott nicht weitschweifig palavernd und häuslich niederlässt, ihren tiefen Sinn. Ham wir doch wieder was gelernt! Zuallererst nämlich, wie und warum der zunehmend an Queequeg einen Narren frisst. Denn der Kerl hat was in dieser Meute (noch?) gesichtsloser Gestalten: ein gelassenes und äußerst gesundes Selbstbewusstsein, „und jedermann weiß, dass Gelassenheit in den Augen der meisten Menschen auf ein vornehmes Wesen hindeutet.“ (S. 76) Denn wie man ja selber heutzutage – vom Sitzungstisch bis zum Hörsaal – immer wieder erlebt, sitzt „am Kopfe der Tafel“ entweder einer, den es aus dem Bewusstsein der Wichtigkeit seiner Person oder aus Geltungsdrang ins „Präsidium“ oder zumindest in dessen Nähe drängt, oder eben der, der sich darüber überhaupt keinen Kopp macht. So einer ist Queequeg, in sich ruhend, mit seiner höchstpersönlichen Würde. Und es schert ihn nicht mal, ob es jemanden anderen schert, dass er mit der Harpune sein halbblutiges Steak frühstückt. Im übrigen sei wohlmeinend davor gewarnt, beim nächsten Restaurantbesuch den einschlägigen Gourmet einen Wilden zu nennen.

Natürlich geht es nicht an, dem wissbegierigen Leser einen Eindruck von der Walfängermetropole New Bedford vorzuenthalten – wie wir sehen, kommen wir also auch nicht ohne das sechste Kapitel aus. Denn wer möchte schließlich gern aus dem Niemandsland auf Walfang gehen.

Sie ist voll von Seeleuten und Abenteurern unterschiedlichster Couleur, die Stadt – vom echten Menschenfresser über bunte Exoten aus aller Herren Länder bis zum auf Walfänger gestylten Bauernlümmel aus Vermont oder New Hampshire. Der heiß darauf ist, das große Geld zu machen, und, wenn es ernst wird, noch sein blaues Wunder erleben wird.

Um nochmal beim Geld zu bleiben: Melville, ach nein, Ismael zeichnet ein knappes, aber klares und farbiges Bild des üppigen Wohlstands, den die Region den Walen verdankt. Und keine Rede davon, dass der Walboom schon in sein sieches Stadium zu fallen beginnt, weil ja längst ergiebigeres Gold gefunden wurde, schwarzes Gold. Und weil es Ismael ist, der uns das alles erzählt, darf natürlich hier seine Anspielung auf Kanaan, das Gelobte Land nicht fehlen. Auch wenn New Bedford an das natürlich nicht ganz rankommt, aber nur ganz knapp nicht. Okay, ich geb’s ja zu, dass mir die sehr kurze Anmerkung dazu nicht gereicht hat und mich eine Kurzfassung der Geschichte des entsprechenden Buch Mose inhalieren ließ – was tut man nicht alles für seine Bibelfestigkeit. Demnach wurde besagtes Gelobtes Land ja schließlich des echten Ismaels Vadder Abraham und seinen Nachkommen von Gott höchstpersönlich versprochen. Nu hatte Vadder zwar eben jenen Ismael schmählich aus dem Haus getrieben; trotzdem meint man herauszuhörn, dass der „Unsrige“ sich vorerst auch mit dem beinah Gelobten Land zufrieden gibt.

Written by Wolf

29. September 2006 at 12:39 pm

Posted in Steuerfrau Elke

Hic sunt leones

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Wie weit geht überhaupt der Topos der Faszination von Reisen in ferne Länder zurück? Moby-Dick war ja nicht das erste Buch seiner Art. Nicht mal das erste von Melville; sein Erstling Typee handelte schon von allem, was so eine Seebärenrumtreiberei in der Südsee ausmacht.

Miranda kann wartenAls erstes fällt mir Shakespeare ein, The Tempest.

Vorher weiß man von Berichten aus fernen Ländern – vom alten Europa aus gesehen –, in denen die Leute zwei Köpfe haben oder gar keinen, dafür die Gesichter auf der Brust, die auf den Händen gehen und in höchst wünschenwerter Libertinage leben. Und meistens fällt man unmittelbar dahinter über den Rand der Erde ins All.

Was Herodot, Tacitus und wie die Gelahrten alle heißen, die Eco im Namen der Rose so eindrucksvoll verfeuern ließ, aus den Randgebieten der Erde wussten, bezog sich immer auf Quellen, die wir Heutigen anzweifeln sollten, diente aber immer dem gerade gültigen Verständnis von Wissenschaft.

Welches Weltwissen verbrannte wirklich mit der Bibliothek von Alexandria? Hätte es uns genützt? War es wenigstens spannend? Ist davon mehr auf Shakespeare gekommen als auf uns, bis er beruhigt in sein letztes Stück schreiben konnte: “Be free, and fare thou well”?

Im Nicholas Nickleby von Charles Dickens beschließt die fliegende Schauspielertruppe in einer flauen Zeit, statt aktuellen Theaterstücken lieber Shakespeare zu spielen, weil das ein sicherer Kassenmagnet ist.

Shakespeare fürs sensationsgeile Volk! Auf dass es herbeiströme! Sicherer als in die neuen Stücke! Nicholas Nickleby ist von 1839, das war 223 Jahre, nachdem Shakespeare seinen letzten Huster tat.

Wie wenn ein Club-DJ auf Tingeltour vorsichtshalber Mozartarien trällern wollte. Es scheint, in den 167 Jahren seither hat sich im Rezeptionsverhalten der Theaterzielgruppe noch viel mehr verändert. Und postmoderne Vortragskünstler heißen wieder Moby.

So, und jetzt dürfen Sie nach Kräften kommentieren, was Sie über vergleichende Literaturgeschichte wissen.

Ptolemäischer Sturm

Written by Wolf

27. September 2006 at 3:01 pm

Das Frühstück: Steffi hat das 5. Kapitel gelesen

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Steffi meint:

Habe ich schon einmal erwähnt, dass Queequeg anders ist?

Für alle, die es bisher noch nicht ganz erfasst haben: er ist sogar anders, als die anderen Walfänger, eine Klasse für sich; jemand, der sich nicht zuordnen lässt, der Sortierung in Schubladen wiedersteht und damit wohl ein perfektes, modernes Individuum darstellt.

Selbst sein Frühstück fällt anders aus, als das der anderen: Er zieht das nahrhafte Fleisch vor. Machen Extremsportler das nicht auch, wegen der Proteine?

Mir schien es, als würde er sich schon vorbereiten, auf den nächsten Extremsportausflug – nur dass der eben für einen Haufen von Männern Alltag war.

Die Schüchternheit und Zurückhaltung der anderen schien mir eigentlich auch nicht weiter verwunderlich zu sein. Die Seebären waren einfach nicht in ihrem Element. Auf dem Schiff dürfen wir sicherlich anderes von ihnen erwarten.

Diese Darstellung unseres ungewöhnlichen Freundes ist hoffentlich bald abgeschlossen – die Message ist angekommen.

Written by Wolf

27. September 2006 at 2:58 pm

Posted in Steuerfrau Steffi

Die Steppdecke: Steffi hat das 4. Kapitel gelesen

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Steffi meint:

Was für mich gilt, da ich erst die Beiträge meiner wertgeschätzten Mitsegler gelesen habe, bevor ich mich mit Herman selbst vergnügt habe; aber eben auch für die Reihenfolge des Anziehens, wie unser „wilder Freund so slapstickhaft vorgemacht hat. Kurz: ich war vorgewarnt, dass Sigmund was zu sagen hatte und las das Kapitel schon mit der Maske des Anders-lesen-Wollens:

So stimme ich Wolf zu, dass die Kindheitserinnerung sicherlich eine Schlüsselstelle zum Verstehen von Ismael ist, allerdings glaube ich, dass wir das mit der Stiefmutter durchaus wörtlich nehmen können. Seinen ironischen Ton behält er bei, doch die Bitterkeit ist deutlich zwischen den Zeilen zu lesen.

Also folge ich der Einfachheit halber der Argumentation von Wolf, den ich würde doch nur ähnliches schreiben.

Worüber ich am meisten gestolpert bin, war wirklich die Neugier, die Ismael bei der ganzen Ankleideprozedur an den Tag legt. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: es schimmert immer die Besonderheit von Queequeg durch, diese Andersartigkeit, die man begafft wie im Zoo.

Sicher, sie ist nicht böse gemeint und meiner Theorie nach auch nicht mal bewusst, aber diese Pastellversion von Rassismus lese ich heraus. Aber genug davon. Sicherlich ist das nicht buchentscheidend, ich sehe es nach wie vor als Indiz für die historische Verortung und soll damit weder Gevatter Melville, noch seinen Protagonisten Ismael schmälern.

Auf humorvoll, tolle Art und Weise wurde in der Tat die Freundschaft der beiden ein wenig näher gebahnt, die Andersartigkeit noch ein bisschen weiter entblößt und dargestellt, die Handlung ein klein wenig vorangetrieben.

Aber wann stechen wir denn eigentlich nun in See?

Aber so ist das nu mit guten Dramen: sie verdienen einen guten Prolog, damit man an der Seite der Helden allen Tücken standhalten kann. Es ist das Luftholen vor dem Orkan.

Und wie ich mich darauf freue!

Written by Wolf

26. September 2006 at 3:34 pm

Posted in Steuerfrau Steffi