Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Steuer’ Category

Faustisches in Moby-Dick

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Archegonus hat Kapitel 43: Horch! und Kapitel 44: Die Karte gelesen:

Man muss es nur abwarten können: Unser langjähriger, nicht wenig verdienter Nachbar Archegonus übernimmt das Steuer genau an der Stelle, wo uns die Flaute erwischt hat, weil es offenbar wirklich nicht mehr mitanzusehen war, was wir hier nicht treiben — und schreibt uns — nicht zum ersten Mal — unaufgefordert über ein Thema, das mich schon lange interessiert und das ich jetzt glatt zweimal verwenden kann.

Meine eigenen Verdienste an Moby-Dick™ kommen mir noch als die geringsten vor, ich hab hier nur das Passwort. Dagegen hab ich außerhalb des Internets nie so viel darüber gelernt, was eine Gemeinschaft ausrichten kann.

Archegonus hat’s um Gotteslohn getan. Gerade deshalb steht ihm einer der gleich zweimal versprochenen Buchpreise zu, ich such ihm was Schönes aus. Das werde ich immer für jeden Beitrag tun — auch bei euch offiziellen Kollegen von P.E.Q.U.O.D. Danke! sag ich — und damit hat Archegonus das Wort:

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Raymond Bishop, AhabOhne das Wirken der Hölle wäre Herman Melvilles Moby-Dick kaum zu verstehen: Die Hölle ist der Unort, in dem alle dunkle Verknüpfungen zusammenfinden (Kapitel XLIII). Hier führt uns Melville in seiner abschnittsweise unspektakulären Art, fast randnotizartig, in die Höllenkapitel seines Werkes. Auf den ersten Blick ist Kapitel XLIII nicht mehr als eine Beschreibung einer nächtlichen Sinnestäuschung, sind doch die beunruhigenden Geräusche nichts als “die drei eingeweichten Zwiebacke, die wo du zu Abend ißt, wo sich in dir umdrehen” – so klärt Cobaco seinen Kameraden Archy auf, der aber nach eigenem Bekunden “scharfe Ohren” hat und sich sicher ist, doch etwas gehört zu haben. Aber Cobaco gibt nicht nach: Nichts soll es gewesen sein, weiterarbeiten soll er, und still sein. Damit lässt Melville uns zunächst allein.

Ahabs Tätigkeiten werden in der Nacht zur kultischen Handlung, zur Beschwörung. Einen Weg zu seinem Lebensziel auszulesen auf Karten, ist sein Sinnen, in der Tiefe des Schiffsrumpfes, eingeschlossen im Grabesdunkel (Kapitel XLIV). Nicht Eintritt in das helle Reich von Isis und Osiris sucht Ahab – sondern hinab in die Kammer des Horus steigt er Nacht für Nacht. Wahrlich faustisch sein Vorhaben: Sein Plan gegen den göttlichen Plan, sein Wesen gegen die Kräfte der Natur: Die “geheime Kunde der Gottheit” in Form der “Adern” in den Weltmeeren zu erkunden & erkennen. So wird das Kartenlesen für Ahab die Arbeit am eigenen Horoskop – am Schicksal, das ihm die Götter bestimmt haben. Er jagt einen Moby Dick, der sich in den Wassern herumlungernd findet, wie die Sonne im Jahreslauf, eine Zeitspanne in “jedwedem Zeichen des Tierkreises verbummelt”. So wird Ahab zum Kartographen der Strömungen eines gänzlich unirdischen Labyrinthes, im Halbdunkel und Streiflicht selbst gezeichnet mit “Strichen und Routen über der tief markierten Karte seiner Stirne”.

Zeit und Raum will Ahab für sein Vorhaben beherrschen: Auf Hochmittag, in der “Saison am Äquator” will er den Weißen Wal aufspüren, und er schwört die Mannschaft auf dieses doch aussichtslos erscheinende Unternehmen ein. Aber wie wenig vermag hier die deutsche Übersetzung die Kräfte zu beschreiben, die Ahab sich unterwerfen will: Χρόνος και Καιρός – Chronos und Kairos – der schicksalsbestimmende Zeitpunkt, der durch göttliche Fügung allein bestimmt wird, soll kraft seines Willens ihm dienen. Ahab erliegt der Versuchung, die Natur beherrschen zu wollen, aus der bloßen Möglichkeit eine Wahrscheinlichkeit werden zu lassen und verblendet im Geiste die Wahrscheinlichkeit zur Fast-Gewissheit zu formen.

Melville legt uns in diesem Kapitel einen Schlüssel in die Hand, mit dem wir Zugang erhalten zu dem Teil unseres Wesens, den wir erst bewältigen müssen, wenn wir unsere Fahrt über die unbekannte See, das Meer der Zeit, fortsetzen wollen. Schaffen wir dies nicht, und die dunklen Kräfte beherrschen uns, so enden wir in der der “totalen Katastrophe” – sei es in “unleidlich lebhaften Nachtträumen” oder in einer todbringenden Wirklichkeit. Tötung und Verwesung bezeichnen die sinisterste und gefährlichste Operation des Alchemisten, die zugeordnete Farbe Schwarz verweist auf den Schatten im eigenen Sein: Wenn Ahab die See erkundet, so sieht er das apokalyptische Grauen, gleichwie der Prophet Daniel es beschrieb: Schauend war ich in der Schau der Nacht […] und schauend blieb ich bis getötet war das Wesen (Daniel 7,2 und 11).

Robert Shore, Ahab, 1962Ahab durchlebt die Trennung von Geist, Seele und Körper durch die seinem Wesen innewohnende Energie “[…] erstrebte es triebhaft eine Ausflucht aus der versengenden Nachbarschaft des rasenden Dings, mit welchem es nunmehr nicht länger ein gemeinsames Ganzes war”; ein geradezu alchemistischer Prozess der Abtrennung, des inneren Kampfes, in dem das “äußere Leben” abgetötet, d.h. von dem in ihm waltenden Geist befreit und zur Verwesung gebracht wird, um neu geformt zu werden. Doch bei Ahab stellt sich die Frage: Formung zu welchem Sinn & Zweck seines Daseins?

Dem erschauernden Leser öffnet sich nunmehr ein Abgrund der Finsternis in Ahab selbst:

Oftmals, wenn er aus seiner Hängematte hochgetrieben wurde von erschöpfenden und unleidlich lebhaften Nachtträumen, […] diese seelischen Wehen im Innern seine Existenz aus ihren Fundamenten warfen und sich in ihm ein Abgrund zu öffnen schien […]; wenn diese Hölle in seinem Innern sich unter ihm auftat, dann war durchs ganze Schiff hindurch ein wilder Schrei zu hören; […] Folglich war die aus leiblichen Augen hervorfunkelnde gepeinigte Seele, die Ahab zu sein schien, wenn er aus seinem Zimmer herausbrauste, in dem Augenblick nichts als ein entleertes Ding, ein formloses nachtwandlerisches Wesen […].”

Ahab hat aufgehört, Mensch zu sein, und in seinem Vorhaben, ein Götterbezwinger zu werden, lässt Melville uns als Warnung die Gestalt des Prometheus entgegentreten. Der Hass, der aus verletztem Stolz geboren wurde, wird zum symbolischen Geier, den Ahab in seinem Innern selbst genährt, ja sogar erschaffen hat. Aus dieser Hölle gibt es kein Entrinnen und so schließt dieses hoffnungslose Kapitel mit der letzten aller menschlichen Möglichkeiten, der Anrufung des Allmächtigen:

Gott stehe dir bei, alter Mann, deine Gedanken haben ein Geschöpf in deinem Innern erschaffen; und er, dessen abgründiges Denken ihn solchermaßen zu einem Prometheus macht; ein Geier nährt sich ewig von jenem Herzen, jener Geier eben das Geschöpf, das er selbst erschaffen.

Zitate nach der deutschen Fassung von Friedhelm Rathjen, Zweitausendeins, 3. Auflage 2006;
Bilder: Raymond Bishop: Ahab via then be called ten times a donkey, and a mule, and an ass, and begone, or i’ll clear the world of thee!, the art of memory, 20. Februar 2008;
Robert Shore: Moby Dick by Herman Melville, Macmillan New York, London, 1962.

Written by Wolf

25. April 2014 at 12:01 am

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Von der Weiße zur Schwärze – der Weg der verlorenen Seele

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Wenn die Besatzung der P.E.Q.U.O.D. allein — will sagen: zu dritt — nicht mehr ausreicht, muss dem Schiffsbauch ein Fedallah entsteigen: Archegonus geht aus dem neblichten Alles-und-Nichts des ozeanhaften Internets in Vorlage und bespricht uns als erster Kapitel 42: Die Weiße des Wals: unserer Aufforderung, um nicht zu sagen: unserem Hilfeschrei vom 1. Februar 2012 folgend, freiwillig und mit aller wünschbaren Grandezza wie ein umsichtiger, beherzter und blitzgescheiter Seemann.

Dafür hat er wie versprochen — und wie jeder, der Finger hat zu schreiben — ein Buch aus meinem Bestand gut.

Danke, Archegonus. Ich hab immer gewusst, dass Moby-Dick™ die besten Leser hat.

And thus by the gate of blackness thou must come in,
To light of Paradise in whiteness if you wilt win.

George Ripley: The Compound of Alchymy, 1470 f., ed. 1591.

Da aber erhob sich in unserm Pfade eine verhüllte menschliche Gestalt, sehr viel größer an Glied=Maßen, als sonst ein unter Menschen je Hausendes. Und die Tönung der Haut der Gestalt, war von der völligen Weißnis des Schnees.

E. A. Poe: Umständlicher Bericht des Arthur Gordon Pym von Nantucket, 1838,
zitiert nach Arno Schmidt, dtv weltliteratur Nr. 2123, 1984.

Rockwell Kent, Whale Beneath the SeaFragend, unter Andeutungen, gleitet Ishmael in eine Flut aus Bildern und Symbolen und zieht uns ohne Nachsicht mit: Göttliche Elemente, königliche Insignien und kaum zu fassende Merkmale eines unbestimmbaren Grauens sind Ein- und Ausdrücke der Farbe Weiß. Vom Stein und Gestein aus dem Inneren der Erde, bis in den Sternenhimmel, die Milchstraße spannt er einen Bogen, der uns den Weg weisen soll, doch sogleich wieder zerfällt: „In Angelegenheiten gleich dieser spricht Gespür auf Gespür an, und ohne Einbildungskraft mag vermag kein Mensch einem anderen in diese Hallen nachzufolgen.“ (Dieses und die folgenden Zitate aus der deutschen Fassung von Friedhelm Rathjen, Zweitausendeins, 3. Auflage 2006.)

Ishmael sucht das unergründliche Weiß zu ergründen und treibt hinaus auf die offene See: Wellengang und Erkenntnis – in gleichzeitigem Erleben lässt er uns schwanken und hoffen: Kein greifbarer Gedanke hat länger Bestand als der Seegang, der uns hebt und senkt: Dem Symbol des Höchsten stellt er sogleich das tiefste Grauen zur Seite, stärker als es uns überfiele, träfen wir auf „jene Röte, die uns am Blute entsetzt“. Weiß und Rot symbolisieren den Schrecken an der Grenze der menschlichen Wahrnehmung, des Seins, die Ishmael benennt als den „Instinkt vom Dämonismus in der Welt.“

Wagen wir es, ein Beiboot auszusetzen und uns kurz den südlichsten Meeren zuzuwenden: Vor Melvilles Ishmael stieß der von Edgar Allan Poe begonnene und von Jules Verne tragisch geendete Arthur Gordon Pym auf das Phänomen «der die Seele erschütternde[n] Weiße», als er sich der Offenbarung und dem Geheimnis des Südpols nähert: Er beschreibt den Zustand des Meeres auf unergründlicher Fahrt in bildlich gleicher Weise, beide, Pym und Ishmael, erkennen nur ahnungsloses Erschrecken, in den „milchigen Tiefen des Ozeans“ (Pym) und den „gedämpften Brechern der milchigen See“ (Ishmael). In Arthur Gordon Pyms Beschreibung erregt größten Schrecken bei Eingeborenen einer weit im Südmeer liegenden Insel ein Tier, das er beschreibt mit einem „glatten, seidigen Haarkleid, von vollkommener Weiße“, dessen Zähne und Krallen von strahlendem Scharlachrot waren. Gegen Ende seiner Reise stößt er selbst auf eine riesige verhüllte weiße Gestalt – einem Eindruck, dem keine weiteren Worte mehr folgen.

Ishmael und auch Pym sind voller Erschrecken & Entsetzen: Das für den Menschen nicht mehr bewusst wahrnehmbare, durch seine unfassbare Polarität zwischen Allem und Nichts beschriebene «überpolare» Weiß ist es, was vor unseren Augen das Grauen aufsteigen lässt.

Original ilustration from George Rouxe to novel J. Verne The Sphinx of the Ice FieldsDoch sollen wir uns „blind starren“ an der Weiße des Wals? Ahab, ja er, sieht und unterscheidet – zwischen gut und böse, ergreift Partei für seine Sache und beschwört die Kräfte des Teufels. Doch wo ist des Weißen Wals Partei oder Unterscheidung? Ishmael weiß es selbst nicht, auch will er uns in diesem Kapitel nicht von unserer Verwunderung befreien, uns unsere Urangst und instinktive Scheu nicht nehmen, denn dieses „bleiweiße Kapitel über die Weiße ist nichts anderes als eine weiße Flagge, herausgehängt von einer feigherzigen Seele.“

Scheu & Angst lassen uns nicht wagen, zu erkennen: Im Kapitel XLIII dürfen wir nur ahnen, dass es um uns, unter dem so festen Boden, auf dem wir so sicher stehen, immer noch etwas gibt, von dem wir nichts wissen, was sich unseren Augen nicht zeigt.

Ahab hat durch seine Annäherung an den Wal dessen Weiße nicht nur durchschaut, sondern sein Äußeres gewaltsam durchdrungen und die Erkenntnis mit eigener schwerer Verwundung bezahlt: Im Inneren des Weißen Wals fließt schwarzes Blut. Damit wird Weiß zu etwas, was aus einem schwarzen Inneren geboren wurde. Um die Bedeutung dieses Weiß zu verstehen, müssen wir den Blick richten auf die Schwärze – und mit Ahab hinabsteigen in seine Kajüte, in die große nachmitternächtliche Finsternis im Kapitel XLIV.

Bilder: Rockwell Kent: Whale Beneath the Sea
via then be called ten times a donkey, and a mule, and an ass, and begone, or i’ll clear the world of thee!, the art of memory, 20. Februar 2008;
George Roux: Die Expedition erreicht die Eissphinx, 1897.
Sarah McLachlan: The Beatles: Blackbird aus dem Weißen Album, 1968/2008.

Written by Wolf

20. April 2012 at 12:01 am

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But while yet all a-rush to encounter the whale, could see naught in that brute but the deadliest ill.

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Das Meer ist tief,
die Welt ist schlecht,
wie ihr’s auch dreht —
der Wal hat recht.

Robert Gernhardt: Dreh es o Seele, 2002.

Elke hat Kapitel 41 gelesen (und hol’s der Klabautermann: verstanden):

Elke HegewaldWieder ein Kapitel, groß wie der Wal und Melville. Was man, wenn nicht schon an der Anzahl der umzugrabenden Seiten, mindestens am Kapiteltitel merkt, wumm. Und daran, dass ein Naturtalent eher auf den Planken eines alten Seglers und Walfängers als in Schreib-Workshops schreiben lernt und sich einen Scheiß um welche Regeln auch immer scheren muss, sei es noch lebendig oder inzwischen tot — weil es sogar tot noch lebendig ist.

Zur Kompensierung des hochphilosophelnden Teils und des wandelnden Monomanen nehm ich mich mal der gejagten Kreatur an, auf deren “weißen Buckel den angehäuften Zorn und Hass, den sein Geschlecht seit Adam je verspürt” (Ahab), türmt. Und der Mädchenthemen: der wildromantisch auf Mocha Dicks weißem Buckel rankenden Blüten von Mythos und Aberglauben und geheimnisvoller Naturgewalt, aus denen Melvilles Moby Dick entspross. Der ihm noch viel mehr als zum Wal “zum Symbol des Phantoms des unbegreiflichen Lebens” geraten ist (Jendis, Seite 36). Und als solches dem vom Wahnsinn besessenen Ahab via Kapitel 41 zu seiner eigenen Antwort “42” gerät, nicht durchs Weiterzählen, vielmehr als die Mr. Douglas Adams vorausahnende ultimative Antwort auf madness, “life, the universe and everything”. Zu der kein rasender Monomane noch friedlicher Anhalter weiß, was eigentlich die Frage ist.

WalbuckelMeine erste Begegnung mit dem Wal — ich habs hier wohl schon mal erzählt — war eine traumatische. Also für mich jetzt, der Wal hatte es da schon hinter sich. Er lag still und stumm und nur noch präparierte Hülle unter einem bierzeltähnlichen Pavillon von pottwalischen Ausmaßen, den Blicken der sensationsarmen Gaffer auf dem Marktplatz einer ebensolchen Kleinstadt ausgesetzt. In der ich, ich war neun oder zehn, bis dato in kindlicher Unschuld aufgewachsen bin. Die Geschichte des Erlegens, die dazu nützlichen Werkzeuge sowie die Stelle des Todesstoßes wurden lang und breit illustriert. Der zutiefst getroffenen Kinderseele blieb eines mit Ahab gemeinsam: sie hat diesen Moby Dick nie verwunden. Aus ungleichen Gründen.

Drum kann sie, wenn auch längst den Kinderschuhen entwachsen, dem Einwand der Jäger aus den frühen Tagen des Walfangs durchaus folgen, dass “to chase and point lance at such an apparition as the Sperm Whale was not for mortal man. That to attempt it, would be inevitably to be torn into a quick eternity.” Und es ist ihr vollkommen wurscht, dass Herman-Ismael es vielleicht anders meint und die abergläubische Furcht der Seeleute im Sinn hat: eine solch grandiose und gewaltige Schöpfung der Natur verdiente ihr seit jenem morbid-makaberen Whale Watching nichts anderes als Ehrfurcht und das Gegenteil von Metzeln und Meucheln.

Dem (Weißen) Wal “jene beispiellose, vernunftbegabte Arglist” zu unterstellen, sieht man vielleicht noch einem traumatisierten, im Kleinholz seines Schiffes schwimmenden Owen Chase nach. (Die paar von Melville herbeizitierten Naturforscher, die ihre diesbezügliche Weisheit werweißwoher hatten, zählen hier nicht.) In ihm die “incarnation of all those malicious agencies which some deep men feel eating in them, till they are left living on with half a heart and half a lung. That intangible malignity which has been from the beginning; to whose dominion even the modern Christians ascribe one-half of the worlds; which the ancient Ophites…” zu sehen — darauf konnte nur ein entmasteter Ahab in seinem gepäppelten Wahn kommen.

Mit Verlaub und whalemännischer Broterwerb hin oder her, worüber wundern die sich? Eine Kreatur, die ihre ‘Vernunft’ im besten Falle aus diversen Begegnungen mit auf sie losgehenden Harpunenwerfern aufgesammelt hat, tobt und kämpft um ihr Leben, das die wilden Jäger ihr nehmen wollen. Wer täte das nicht und wo nähme wohl für ein derart vernunftbegabtes Tier das Böse seinen Anfang? Hat solch Szenario nicht auch was Paradoxes? — : Gerade denjenigen für die Schlechtigkeit der Welt verantwortlich zu machen, der so geworden ist, weil ihn diese Welt gnadenlos hetzt, auf Leben und Tod. Die Geister, die ich rief…

Beluga Whale WatchingWohlwollender und zugleich relativierender kommt uns da ein Exemplar der Zeitungsschreiberzunft und Melville-Zeitgenosse, der hier schon des öfteren umschlichene Mr. Jeremiah Reynolds, in seiner Seemanns(garn)geschichte über das Moby-Vorbild Mocha Dick daher. In der er es sich dankenswerterweise neben allem anderen zur Aufgabe macht, “to inform the reader who and what Mocha Dick was; and thus give him a posthumous introduction to one who was, in his day and generation, so emphatically among fish the “Stout Gentleman” of his latitudes.

Jeremiah Reynolds: Mocha Dick: Or The White Whale of the Pacific: A Leaf from a Manuscript Journal.
Knickerbocker Magazine, 1839. Deutsch im Rathjen-Moby-Dick:

Obwohl von Natur aus wild, war Dick wenig dazu geneigt, eine bösartige Veranlagung zu offenbaren, wenn er unbelästigt blieb. Ja im Gegenteil, manchmal pflegte er in aller Ruhe an einem Schiff voerbeizuschwimmen, und gelegentlich trieb er faul und harmlos zwischen den Booten dahin, die vollbemannt zur Vernichtung seiner Rasse ausgezogen waren. Diese Nachsicht brachte ihm jedoch keine Gunst ein, denn wenn kein anderer Anlass zur Beschuldigung übrigblieb, schworen seine Feinde, sie hätten in dem langen, unbekümmerten Schwung seiner Schwanzflosse eine lauernde Untat erblickt. Wie dem auch sein mag, nichts ist sicherer, als daß all diese Gleichgültigkeit mit dem ersten Stich der Harpune verschwand; während das Kappen der Fangleine und der hastige Rückzug aufs Schiff häufig die einzigen Mittel waren, sich vor der Vernichtung zu retten, die seinen geschlagenen Angreifern verblieb

wusste er von einem Nantucketer Waljäger, der Mocha Dick erlegt haben wollte — was ziemlich sicher allerdings erst 1859 durch einen schwedischen Walfänger geschah — siehe Verweis in der englischen Wiki auf Whipple, A. B. C. Whalers in the South Pacific. Doubleday, 1954: 72 und Bezug im Göske-Nachwort zu Moby-Dick. Daher der vorsichtige Einwand hinsichtlich des Seemannsgarns.

Und der dem Melvilleschen Sinnbild des “unbegreiflichen Lebens” angemessene und munter durch seine Romanseiten schwimmende Hiobswal verkörpert mitnichten das Böse in der Welt, sondern zuvörderst die Größe der Schöpfung des Überuns — behaupte ich jetzt mal, so als heidnische Bibelamateurin. Denn gebühren solche Worte etwa der Finsternis und dem Bösen?:

Kannst du seine Haut mit Spießen füllen, und seinen Kopf mit Fischharpunen? Lege deine Hand an ihn — gedenke des Kampfes, tue es nicht wieder!

Hiob 40,31—32.

In seinem Halse wohnt Stärke, und die Angst hüpft vor ihm her. Die Wampen seines Fleisches schließen an, sind ihm fest angegossen, unbeweglich. Sein Herz ist hart wie Stein, und hart wie ein unterer Mühlstein. Vor seinem Erheben fürchten sich Starke, vor Verzagtheit geraten sie außer sich. Trifft man ihn mit dem Schwerte, es hält nicht stand, noch Speer, noch Wurfspieß, noch Harpune. Das Eisen achtet er für Stroh, das Erz für faules Holz. Der Pfeil jagt ihn nicht in die Flucht, Schleudersteine verwandeln sich ihm in Stoppeln. Wie Stoppeln gilt ihm die Keule, und er verlacht das Sausen des Wurfspießes. Unter ihm sind scharfe Scherben; einen Dreschschlitten breitet er hin auf den Schlamm. Er macht die Tiefe sieden wie einen Topf, macht das Meer wie einen Salbenkessel. Hinter ihm leuchtet der Pfad, man könnte die Tiefe für graues Haar halten. Auf Erden ist keiner ihm gleich, ihm, der geschaffen ist ohne Furcht. Alles Hohe sieht er an; er ist König über alle wilden Tiere.

Hiob 41,14—26.

Soviel zur Ehrenrettung von Moby Dick und Ahabs Widerpart. Doch der Mann braucht einen Feind, dem er das Elend der Welt auf den Buckel laden kann, a man’s gotta do what a man’s gotta do — solang der da ist.

Sleeping WhaleriderBliebe noch der vielzitierte Aberglaube der harten Kerle. Man denkt ja gar nicht, was diese Legenden webende Mentalität aus solchen gestandenen Meistern ihres blutigen Handwerks macht — und aus ihrem Gegenstand, Moby Dick.

Allgegenwärtig soll er sein, unsterblich und wiederauferstehend, weiß wie ein Leichentuch und von tückischer Bosheit, die den Tod bringt. Wenn man das mal so in Worten zusammenreimt, könnte man glatt wieder mal unserm algegenwärtigen Meister Goethe Recht geben, der grad erst stolze 262 Lenze jung geworden ist. Der hat den Aberglauben die Poesie des Lebens genannt. Somit wären unsere Waljäger direktemang wahre Poeten desselbigen. Weniger glimpflich kommen sie beim alten Hume weg, der den Aberglauben und den menschlichen Verstand in die Tiefe studiert hat:

Die Hingabe eines Menschen an den Aberglauben wächst in dem Verhältnisse, in dem sein Leben vom Zufalle regieret wird; dies kann man besonders bei Spielern und bei Seeleuten beobachten, welche von allen Menschen am wenigsten zu ernsthaftem Nachdenken fähig sind, aber am stärksten vom Aberglauben und von unbegründeten Befürchtungen heimgesuchet werden.

David Hume: Natural History of Religion, 1757. Vgl. Göske-Nachwort, Seite 965.

Woher der kommt, wissen wir immerhin auch. Was dagegen als Allheilmittel hilft, will wieder der Hume wissen:

Ein wichtiger Gewinn, welcher aus der Philosophie kommt, besteht darin, dass sie das allein wirksame Gegengift gegen Aberglauben und falsche Religion liefert. Alle übrigen Heilmittel gegen diese verderbliche Krankheit sind vergeblich oder wenigstens unsicher. Schlichter gesunder Verstand und Weltkenntnis, welche für die meisten Vorfälle des Lebens ausreichen, erweisen sich hier als unwirksam…”

David Hume: Of Suicide, 1757.

Sei es wie es sei, versuchen wir es dennoch mal mit einem bisschen schlichtem gesunden Verstand, mit Welt- und Bücherkenntnis und dem berüchtigten menschlichem Entdeckerdrang.

Zur vornehmen walischen Blässe hörten wir 2007 schon mal und auch wie es zu der vermutlich kam: aus Gerüchten und Seemannsgarn um eine weiße Narbe auf Mocha Dicks Stirn, die am Ende den ganzen Wal weiß gerüchteten.

Die angedichtete Unsterblichkeit ist auch erklärbar — wo doch Hinz und Kunz mit und ohne Seemannsgarn den Wal vom Leben zum Tode befördert haben wollten — bis zum nächsten Crash mit dem weißen Buckel. Die “Arglist” hatten wir oben schon. Und die Allgegenwart hat sich endlich auch mit der durch menschliches Entdeckertum der Mythenwelt entrissenen Nordwestpassage in Wohlgefallen aufgelöst.

ArethusaWomit man immer noch nichts gegen die Mythologie gesagt haben will, vor allem angesichts einer so romantisch schönen Quelle derselbigen wie die der Arethusa, bei Melville als weiteres Beispiel für rätselhafte Strömungen angeführt. Die schöne Nymphe Arethusa wurde auf ihrer Flucht (denn sie war kein tollkühner Wal) vor dem liebestollen Flussgott Alpheios von ihrer Schutzgöttin Diana vom Peloponnes nach Sizilien versetzt und in eine Quelle verwandelt. Die Wasser des Alpheios, des alten Schwerenöters, aber suchen im Meer noch immer nach der Nymphe. Es gibt sogar Behauptungen, dass er sie gefunden habe, denn als man auf dem Peloponnes einen Weißen Wal… öh, Quatsch, eine Schale in den Fluss warf, soll sie in der Quelle wieder aufgetaucht sein.

Zum irren Walkapitän, der hier bewusst etwas kurz kam, verweise ich zuvörderst auf des Wolfes höchst erbauliche und erleuchtende Abhandlung von Kapitel 41, womit wir summa summarum einen erklecklichen Part der Ergründlichkeit desselbigen abhaken können. Obwohl — diesen Melville können wir nie “abhaken”, du findest immer wieder was. Auch dass, wie ich finde, der Ahab in seinem ganzen offenbaren Wahnsinn aus dem Zeug ist, aus dem einschlägig bekannte Rattenfänger und Verweser gemacht sind, die ihre Gemeinde mit Versprechungen des Blauen vom Himmel und Fanatismus einschwören und in den Untergang reißen.

Soundtrack des Wahnsinns heute: Blood and Thunder von den Mastodonten (die gabs hier auch schon mal blogwert), ziemlig metallic (und nochmal mit Text):

Bilder: Walbuckel;
Sleeping Whalerider;
Beluga Whale Watching;
Arethusa.

Written by Wolf

1. September 2011 at 12:01 am

Posted in Steuerfrau Elke

Monomaniac Incarnation

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Update for Madness Affecting One Train of Thought:

klem.jm, Tanya, 18. Mai 2011Here we’re introduced to Ahab’s monomania, his single-minded fixation on the White Whale. Basically, what’s driven Ahab crazy is that he’s not very good at symbolism. As a clever Shmoop reader, you know that things don’t just symbolize whatever you decide to make them mean; the limits of their symbolic potential are determined by context. But Ahab takes the White Whale out of context and projects onto it, and not just everything that makes him angry, but everything that’s enraged any human being ever, since time began. Nothing can really hold all that symbolic weight. Not even an inscrutable white whale.

Sometimes it helps to read old versions of Wikipedia articles. If the community consense is to delete beautiful passages, it does not mean they are not beautiful. A deletion from August 5, 2001 said:

klem.jm, Tanya, 18. Mai 2011Ahab has the qualities of a tragic hero — a great heart and a fatal flaw — and his deeply philosophical ruminations are expressed in language that is not only deliberately lofty and Shakespearian, but also so heavily iambic as often to read like Shakespeare’s own pentameters.

The White Whale swam before him as the monomaniac incarnation of all those malicious agencies which some deep men feel eating in them, till they are left living on with half a heart and half a lung. That intangible malignity which has been from the beginning; to whose dominion even the modern Christians ascribe one-half of the worlds; which the ancient Ophites of the east reverenced in their statue devil; — Ahab did not fall down and worship it like them; but deliriously transferring its idea to the abhorred white whale, he pitted himself, all mutilated, against it. All that most maddens and torments; all that stirs up the lees of things; all truth with malice in it; all that cracks the sinews and cakes the brain; all the subtle demonisms of life and thought; all evil, to crazy Ahab, were visibly personified, and made practically assailable in Moby-Dick. He piled upon the whale’s white hump the sum of all the general rage and hate felt by his whole race from Adam down; and then, as if his chest had been a mortar, he burst his hot heart’s shell upon it.

The new version says:

Ahab’s motivation for hunting Moby Dick is explored in the following passage:

Then the same passage. Meh. See the difference?

Monophiliac incarnations: klem.jm: Tanya 1 and 2, May 18, 2011.

Written by Wolf

13. August 2011 at 12:01 am

Posted in Steuermann Wolf

Weil er da ist: Madness Affecting One Train of Thought

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Wolf hat Kapitel 41: Moby Dick gelesen:

I’m mad, I’m bad, like Jesse James.
They gonna tie yo’ hands,
They gonna tie yo’ feet,
They gonna gag your throat,
Where you can’t holler none,
And crying won’t help you none.
Set you in the water,
Yeah, the bubbles coming up.
Whoa,
Rrrrrrr,
Rrrrrrr.

John Lee Hooker: I’m Bad Like Jesse James, 1966.

Die Frage ist doch: Was hat jemals einen Menschen dazu getrieben, die Nordwestpassage überhaupt zu suchen? Wenn sie schon mal da ist, wird ihr Nutzen klar, aber warum wollte jemand durch eine Stelle segeln, die für niemanden existiert?

Dorothy Lamour, ca. 1953Auf den unvollständigen Landkarten des amerikanischen Doppelkontinents bis ins neunzehnte Jahrhundert wies nichts darauf hin, dass Kap Horn eine nördliche Entsprechung haben könnte, und wie man nach abgeschlossener Forschung weiß, sieht es da oben nicht wesentlich anders aus, als die damaligen weißen Flecken nahelegten: Der arktische Archipel von Kanada war bis zu seiner Auffindung nicht bekannt, das Verhalten von Packeis schon.

Die draufgängerische Bergfexantwort: “Weil sie da ist!” funktioniert also nicht. Aber Kap Horn, das gibt’s, einen Panamakanal bohren wir auch noch in die Mitte, und die Welt ist eine bessere, wenn es eine Nordwestpassage gibt. Besser funktioniert also: “Weil es sie geben muss!”

Also wird gesucht. Das ist etwas, das Menschen tun, so sind sie halt. Ein bestimmter Schlag jedenfalls. Über Logik ist das nicht zu fassen, es wäre denn die Logik eines Siebenjährigen, der begründen soll, aus welchem Anstoß heraus das Christkind eine Playstation bringen soll: “Weil ich dann spielen kann.” Erst die Ursache, dann die Wirkung — so weit konnten sich Aristoteles, Newton und Heisenberg immer einigen.

Nicht so die George Mallorys, Robert McClures, John Franklins, Christoph Columbus’, James Cooks und wie sie alle heißen, und am allerwenigsten die Ahabs.

Kapitel 41 heißt so wie der ganze Roman, bis auf den Bindestrich, scheint also eins der wichtigen, bedeutungs- und staatstragenden. Einmal mehr hat sich Melville “seinen Leser geschaffen”, indem er ein retardierendes Moment von vier Kapiteln einschob. “Ich, Ismael, war einer aus dieser Mannschaft” knüpft nicht an Kapitel 40 an, sondern an 36, dazwischen herrscht stimmungsbildender Hexensabbat. Zuletzt hat Ahab auf dem Achterdeck seine Dublone angenagelt und frech zum erweiterten Selbstmord motiviert: “Befehlen tue ich’s euch nicht; ihr wollt es so.”

Ecuador's 8 Escudos Coin in Moby DickWenn das kein Anreiz ist: die ungeheure Summe von sechzehn Dollar, wow, o danke, Herr Kapitän — und wer braucht einen Auftrag von der Reederei, die doch gefälligst ihren eigenen Kopf und Glieder hinhalten soll, und “profitabl[e] Fahrten” voller “Gewinn […], den sie in frisch gemünzten Dollars zählen konnten” (so noch in Kapitel 41), wenn er einen Weißen Wal (ab sofort als Eigenname mit Groß-W] haben kann? Der letzte, der solche kleinmütigen Weltlichkeiten anmahnt, war Starbuck — und der ist moralisch von den Guten, aber dramaturgisch ein böser Gegenspieler, weil der irre, verwerfliche Ahab in einem modernen Roman — hallo, Hannah — der Zweitheld hinter dem Ich-Erzähler ist, Moral Schmoral. Denn

Nun ahnte Ahab tief in seinem Herzen dies: All meine Mittel sind vernünftig, all meine Gründe und mein Zweck verrückt.

Gut erkannt, Captain — ver-rückt sind sie (im Original: mad), miteinander vertauscht. So blöd ist er also nicht, seinen eigenen Irrsinn zu verkennen, aber “er wußte, daß er ohnmächtig sei, diesen Umstand zu beseitigen”, a man’s gotta do what a man’s gotta do, die Welt kann keine gute sein, wenn er sich nicht an diesem vieldeutigen Zustand von Monsterwal rächen kann, und ohne den psychologischen Begriff der monomania kommt jetzt nicht mal mehr Melville aus. Moby Dick muss erlegt werden, weil er nun mal da ist und deshalb weg muss.

Dorothy Lamour, ca. 1953“Monomanie” taucht zuverlässig in allen Charakterisierungen Ahabs auf, in den neueren auch “narzisstische Kränkung”. Daniel Göske, nach dessen Ausgabe ich die deutschen Stellen zitiere, weil sie üppiger als die Rathjensche kommentiert ist, meint zu dem Begriff ausführlich:

Monomanie: das Wort war damals [1851] recht neu. Der französische Seelenarzt Jean Esquirol hatte es 1823 geprägt, und James C. Prichards Cyclopedia of Practical Medicine (1833) wurde es als “madness affecting one train of thought” spezifiziert und er althergebrachten Bezeichnung “Melancholie” vorgezogen. Melville nennt Ahab nie melancholisch, oft aber “morbid” (“krankhaft”) oder “obsessive” (“besessen”). Die populäre Penny Cyclopedia von 1843, aus der er auch andere informationen bezog, lehrte, daß mit dem Wahn des “Besessenen” auch eine “krankhafte” Veränderung des “moralischen Empfindens” einhergehe.

“Melancholie” war mir bislang als altes Wort für Depression geläufig, also das schiere Gegenteil einer wie auch immer gearteten Manie — aber die Einschätzung, dass Depressiven moralisch nicht über den Weg zu trauen sei, hat sich gehalten.

Besessenheit im Sinne des Wortes dagegen sollte sich außerhalb betont religiös normativer Erklärungssysteme überlebt haben; so muss die römisch-katholische Kirche bis heute an den Teufel glauben, weil man ihn exorzieren kann. Was uns lehrt, dass diese siebenjährige Ahab-Krankheit gegen alle aristotelische Logik und Newtonsche samt Heisenbergsche Physik gar kein so abseitiges Ausnahmegebrechen ist. Widerleg this, Starbuck.

Jessica Gingerherring, The joys of the home library, 16. September 2008Ob diese Deduktion polemisch war oder nicht, hat Melville Recht: “Jene unfaßbare Arglist, welche von Anbeginn aller Zeiten in der Welt gewesen; welcher selbst die Christen der heutigen Zeit die Herrschaft über eine Hälfte der Welt zubilligen; welche die Ophiten des alten Orients in ihren Teufelsstatuen verehrten”, kurz: der Teufel — er bleibt, sagt Göske,

für das Verständnis von Melvilles Ahab wichtig. [Die Ophiten] beteten den Teufel in Gestalt der Schlange an, da diese, als Werkzeug des wahren Gottes, Adam und Eva im Paradies die Erkenntnis ermöglicht hatte, die ihnen der Schöpfergott verweigert hatte. Außerdem verehrten sie die großen Gegenspieler des altestamentlichen Gottes und seines auserwählten Volkes: Kain, die Stadt Sodom, Ägypten.

Das muss natürlich grundböse sein, aus Sicht aller, die den Monogott des Alten und den dreifaltigen des Neuen Testaments verehren: dessen Antagonisten anbeten, weil er ihnen das einzige schenkt, was ihnen der Schöpfer verweigert: die Erkenntnis im wohlüberlegten, ja kultischen Tausch gegen die Erlösung.

Das ist eine ganz andere Schuhnummer des Satanismus als spaßeshalber Heavy-Metal-Platten rückwärts anzuhören — und die teuflische, bei ewichter Höllenverdammnuß verbotene Erkenntnis bringende Schlange war sogar noch das Werkzeug dessen, der sie bekämpft. — Auch so ein altes Paradoxon: Wer hat den Antichristen in die Welt gesetzt, wenn nicht ausgerechnet Gott? (Und kann Gott so einen großen Stein erschaffen, dass er ihn nicht mehr werfen kann?)

“Für das Verständnis von Melvilles Ahab wichtig” (Göske): “Ahab fiel nicht vor ihr [jener unfaßbaren Arglist pp.] auf die Knie und betete sie an, wie jene es taten” (Melville),

doch indem er die Vorstellung davon wahnhaft auf den verhaßten Weißen Wal übertrug, warf er sich ihr entgegen, verstümmelt, wie er war. Alles, was uns am stärksten quält und in den Wahnsinn treibt; alles, was im Bodensatz des Lebens rührt; alle Wahrheit, die Arglist einschließt; alles, was die Sehnen zerreißt und das Hirn verhärtet; all das kaum merklich Dämonische am Leben und Denken; alles Böse schien dem irrsinnigen Ahab in Moby Dick sichtbar verkörpert und leibhaftig angreifbar. Er türmte auf des Wales weißen Buckel des angehäuften Zorn und Haß, den sein Geschlecht seit Adam je verspürt, und ließ, als wäre seine Brust ein Mörser, sein heißes Herz, das feurige Geschoß, an ihm zerbersten.

Ahab gegen das Böse in der Welt, gegen alles, das die Mühseligen und Beladenen von der Erquickung abhält; Ahab, der sich gegen die Erbsünde opfert. Bin ich wirklich der einzige, der gerade jetzt auf das Bild von Ahab am dritten Kampftag vorausschaut, wie er von den Harpunenleinen an den Bauch des Leviathan gekreuzigt untergeht? Eben war Ahab der Gottseibeiuns, wenigstens ein direkter Nachkomme des Satans mephistophelischer Prägung aus Paradise Lost oder allerwenigstens sein williges Gefäß, und plötzlich ist er auch noch Jesus. Gleichzeitig.

Jessica Gingerherring, Backyard and Beyond, 16. September 2008Es ist ein Paradox, kein Widerspruch (haben Sie das, Eckermann…?), und es ist “im 41. Kap., wo Ismael eine Diagnose von Ahabs Wahn versucht” (abermals Göske, schon auf Seite 963 zum 36. Kapitel), und zur theologischen Erörterung, was gut, was böse, was beides auf einmal ist, hilft uns einfachen Ismaels, Starbucks “mit seiner rechtschaffenen Tugend ohne Tatendrang, durch die unangreifbare, gutgelaunte Wurstigkeit eines Stubb und die alles durchdringende Durchschnittlichkeit eines Flask” schon, die theorielastigen Kapitel ohne blutig zugerichtete Mönche in Der Name der Rose ausnahmsweise nicht zu überblättern. Wenn wir geistigen Mannschaftsgrade, die wir weder gelahrte Jesuiten noch Professoren der Semiotik sind, uns mal eingelesen haben, werden wir da richtig spürbar schlauer. — In diesem Sinne mein Lieblingssatz aus 41:

Die Männer wandten ein, daß sie zwar andere Leviathane erfolgreich jagen mochten, daß es jedoch dem Menschen nicht gegeben sei, eine Erscheinung wie den Pottwal zu hetzen und mit der Lanze aufs Korn zu nehmen — daß schon der Versuch bedeuten würde, unweigerlich und unvermittelt in die Ewigkeit hinweggerissen zu werden. Zu diesem strittigen Punkte liegen einige bemerkenswerte Unterlagen vor, die eingesehen werden können.

Zu Deutsch: Man soll sich nicht anlegen, aber nachschauen kann man mal. Eine angenehm entspannte Nachsicht Melvilles, die er in seinem Schlüsselkapitel 41 schön beiläufig versteckt. Hach.

Was jetzt noch fehlt — Elke, alles für dich! — : Die Coverage zu

Man kommt nicht, wenn man weder Melville noch Göske heißt, spontan darauf, dass die beiden letzteren Posten ganz ähnliche Phänomene wie die Entdeckung der Nordwestpassage beschreiben, die bis 1853 nur den wandernden Walen bekannt war: den portugiesischen Serra da Estrêla, auf dessen Bergsee versunkene Schiffswracks auftauchen, und die sizilianische Fonte Aretusa, die von Wassern aus dem Heiligen Land sprudelt. McClures — die erfolgreiche — Expedition der arktischen Walwanderung hinterher lief noch, als Moby-Dick erschien.

Ahab sucht heute noch.

Michael Raso, Erin Russ in Ringwood State Park Graveyard, North New Jersey, 2. November 2009

Bilder: Ecuador’s 8 Escudos Coin in Moby Dick;
Dorothy Lamour 1 und 2, ca. 1953: via The Tag;
Jessica Gingerherring: The Joys of the Home Library und Backyard and Beyond, 16. September 2008;
Michael Raso: Erin Russ in Ringwood State Park Graveyard, North New Jersey, 2. November 2009.

Written by Wolf

21. July 2011 at 12:01 am

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Madness maddened

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von Sonnenuntergang bis Mitternacht.

Whalemen-Schauspiele in vier Kapiteln

oder wa(h)lweise zwei Anläufen.

Elke hat Kapitel 37, 38, 39 und 40 gelesen:

Elke HegewaldSeit die Helden aus der dicken Schwarte in ihrem Gemunkel um ein weiterhin unsichtbares fettes weißes Walphantom zunehmend “auf Eisenschienen” zur Bühne streben und retardiertes Waljagen sich in düsteren bis dämmernden Selbstgesprächen Luft macht, sitzen wir dauernd in der ersten Reihe. Hey, wer, wenn nicht wir? (Auch wenn wir gelegentlich eine Weile brauchen, dort Platz zu nehmen. Oder auch ein paar wirre Anläufe.)

Erster Anlauf:

Als ich dreizehn war, fanden es meine Eltern an der Zeit und mich reif genug für Live-Kulturerlebnisse ohne böse Risiken und Nebenwirkungen. Das Bücher verschlingende Zopfmonster saß ihnen zuviel in stillen Ecken herum und verschlang unersättlich Bücher oder kramte auf dem Dachboden längst vergessene uralte Schwarten mit Wasser- und Schimmelflecken hervor, von denen es sich noch eine einschlägige Allergie holen würde. Und so verpassten sie ihm und sich ein Theateranrecht. Nicht, dass einem vor- oder nachher jemals ein besonderer Hang zu dergleichen Tun und Treiben an den Eltern aufgefallen wäre. Nicht mal Kino gehörte zu ihren Lebensgewohnheiten. Aber wer konnte schließlich das Gör unbegleitet halbe Nächte in die Bezirkshauptstadt zugfahren, geschweige denn es gen Mitternacht alleine ins traute Heim zurückgondeln lassen.

BühnenbildWie dem auch sei, so fiel ich in einen Topf mit einem wilden Gebräu der darstellenden Künste in durchwachsener Bekömmlichkeit. Der Geist von Hamlets Vater, dem Puntila sein Knecht, Goethens Götz mit der eisernen Hand, die Mutter Wolffen am Waschzuber samt Berliner Schnauze und angetrautem Schiffszimmermann, des Kleistens windiger Dorfrichter beim Geschirrzertöppern, der Ritter von der traurigen Gestalt, die untote Beinahe-Wilis Giselle und wie sie alle hießen und auch diverse seichte Tingelhelden krochen mir lebendig aus den Textbüchern und Libretti. Ich verdaute Chöre und Arien, Soli und Grand Pas de deux, große Monologe und turbulente Massenszenen.

Angetan hatten es mir ja auch damals schon die theatralischen Seeleut’, vom Fliegenden Holländer über Odysseus bis Enoch Arden, ob sie nun ihr dramatisches Seemannslos aus sich heraus und der Angebeteten ins Antlitz sangen oder es in sich hinein, in den Möwenschrei und die ewige See fabulierten. Der Ahab kam dazumal nicht vor, wieso auch, der war ja ein Romanheld. Und hey, machen wir uns mal nix vor: Jeder kennt Moby Dick, doch wer schon den mobydicken Wälzer vom alten Melville. Den hat doch schon anno dunnemals und zumal im Volltext kaum einer gelesen. Kaum einer, dem darüber aufgegangen wäre, wie bühnenreif magic Herman seinen durchgeknallten Käpt’n samt weiten Teilen der Mannschaft kapitellang aufgestellt hat und wieviel Schauspieler in dem schlummerte. Ist es dem Zopfmonster auch nicht. Dabei hat es ihn gelesen. (Tja, daran sieht man mal wieder, wozu ein zweiter Anlauf auch noch gut sein kann.) Womöglich lag das gar an der Prägung durch besagtes Anrecht auf ein Anrecht, dass es dachte, das muss so? Und auch heute zickt es deswegen noch längst nicht an Melvillen rum. Wo es inzwischen weiß, dass von dem sogar bücherlange Poeme um einen Pilger namens Clarel in ein Theater passen. Ehrenwort, ich war selber dabei.

Luca Senoner, Mind Thing, Feel the Freedom, 5. Juni 2009

Zweiter Anlauf:

Die schwere Tür klappt hinter mir ins Schloss, viel zu laut in der Stille des verschneiten Nachmittags. Wie lange bin ich nicht mehr hier gewesen. Ich husche die Treppe hoch und folge dem fernen Meeresrauschen. Die pseudobarocke Prunkloge im 1. Rang ist leer wie auch der Saal unter mir. Wie es sich in der sitzt, wollte ich schon immer mal wissen und keinen fragen müssen. Mucksmäuschenstill hocke ich mich auf den Platz ganz vorn rechts an der Balustrade…

BühnenbildUnten auf der Bühne: alles modern spartanisch. Vor einem angedeuteten (hoch gewölbten, gotischen) Kajütenfenster schaukelt eine Ölfunzel mit flackerndem Docht. In ihrem Lichtkegel nichts als ein roher Holztisch. Als Kontrast dazu echot aus den Kulissen lärmende Hektik. Füße tappen und poltern unsichtbar über die Bretter, die die Welt und heute Schiffsplanken bedeuten, aus einem Lautsprecher fiepen klagende Töne, die mir irgendwoher bekannt vorkommen. Ein Kerl mit Kapitänsmütze und einer qualmenden Tabakspfeife im Mundwinkel tritt in den Lichtschein, prüft bedächtig den Walölstand in der Funzel und beginnt vor sich hin brabbelnd um das Möbel zu hinken. Eine nervöse Stimme, offenbar die des Regisseurs, überschlägt sich: “Sogehtdasnicht sotaugtdasnix, bitteee mehrEinsatzKollegen und kannhiervielleichtmaljemandmitdenken? Verdammt, bin ich denn hier von lauter Irren umgeben?” Hihi… da spricht er wahr, denke ich und pruste los.

Ein kapitaler Fehler, wie sich herausstellt, denn nun haben sie mich entdeckt. Ein Typ mit Designerbrille schält sich von backstage aus dem düster grauen Vorhanggewirr, schaut zu mir hoch und blökt mir entgegen: “Was machen Siiie denn hier? Die. Probe. Ist. Nicht. Öffentlich!!!”

Ich rutsche von meinem samtgepolsterten Klapptrumm und suche schleunigst zu verschwinden. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch, wie ein angestrengtes Grübeln den Blick hinter den geschliffenen Gläsern und zwei Falten die Stirn darüber kräuseln: “Heeeeee… du bist doch von der Truppe, die seit ewig und acht Tagen dem alten Melville um den Bart schreibt?!”

“Ööhm… j…aah?”, murmele ich und komme nicht mehr dazu, mir einen Reim darauf zu machen, woher der das weiß. Geschweige denn, wann wir zwei jemals zusammen Schweine gehütet haben. “Dann kennst du dich doch mit dem fetten Wal, dem Walejagen und der zusammengewürfelten Isolato-Crew hier aus. Mach, dass du hier runter kommst, aber pronto!”

Der scheint das ernst zu meinen. Ha, Regie führen bei Moby-Dick! Da träumst du von! Ich haste abwärts und die paar Stufen an der Rampe wieder hoch. Stolpere dabei beinahe über ein antikes Trichtergrammophon, das an der Kante zum Orchestergraben rumsteht. Und hastdunichtgesehen bin ich mitten in der Kulisse auf den schwanken Planken neben dem baumlangen Commander der Gauklerbande, dem ich grad mal bis zur Schulter reiche. Seine resignierte Handbewegung in Richtung Bühnenchaos deute ich als Einladung, mich in selbiges zu stürzen.

Links von mir hält sich hinter einem aufgespannten Fischernetz eine verwegen aussehende Schar in Ölzeugverkleidung bei den Schultern und übt ungelenke Tanzschritte. Das Fiepen der Walgesänge von vorhin ist immer noch da und kommt aus dem Grammophontrichter. Und unter der Funzel schmaucht und nuckelt der einbeinige Ahab-Verschnitt immer noch gemütlich an seiner Pipe. Na, denn mal Butter bei die Walfische:

Bühnenbild“Kann vielleicht grad mal jemand dem jammernden Grammophonium den Trichter stopfen! Kein Walfänger nicht tät mit dem Bauch voll Feuerwasser rum- oder whiskeyselig auf der Back tanzen, wenn irgendwo außenbords auch nur ein einziger Wal dazu singt oder bläst. Die wären schneller an den Riemen im Boot und ihren Harpunen, als der kleine Pip auch nur Piep sagen könnte.” Zum stillvergnügten Hinkebein: “Und du, Herr Kapitän: genug gequalmt und die Pfeife aus dem Maul! Der Ahab ist inzwischen Nichtraucher, weil allen Freuden des Lebens entrückt, und hat das Requisit schon vor exakt sieben Kapiteln über Bord gekickt. Außerdem sitzt du hier nicht lauschig mit Muttern vor deiner Fischerhütte und spinnst Seemannsgarn. Der Mann hat einen psychopathologischen Knacks, stellt sich auf eine Stufe mit Gott und spielt hier den großen Rächer. Also ein bissel mehr Dämonisches in den Blick, bittschön! Wer soll dir sonst den Irrsinn gewordenen Irrsinn abkaufen?”

Die Jungs auf der Back machen ihre Sache soweit ganz ordentlich, vor allem, seit der Grammophontrichter statt Walgesang irisches Fiedeln ausspuckt, Pips Tamburin scheppert und sie wieder selber Shanties grölen dürfen. Die Bande sortiert sich. Stubb mimt passabel das abwartende Publikum, das sich mit sonniger Gelassenheit das ganze Theater an Bord anschaut. Der wackere Starbuck hadert ohnmächtig mit seiner Schwäche, harrt des walischen Demogorgon und macht seiner Kapitelüberschrift alle Ehre:

“His heaven-insulting purpose, God may wedge aside. I would up heart, were it not like lead. But my whole clock’s run down; my heart the all-controlling weight, I have no key to lift again. […]

Oh, God! to sail with such a heathen crew that have small touch of human mothers in them! Whelped somewhere by the sharkish sea. The white whale is their demigorgon. Hark! the infernal orgies! that revelry is forward! mark the unfaltering silence aft! Methinks it pictures life. Foremost through the sparkling sea shoots on the gay, embattled, bantering bow, but only to drag dark Ahab after it.”

Moby-Dick, Chapter XXXVIII: Dusk.

Der maunzt nicht nur ins Dämmern, der ist die menschgewordene Dämmerung.

So wie der Rollenspieler-Captain – nun endlich doch, schau an, wie der Verzicht auf irdische Genüsse den Dämon wecken kann – inzwischen seinen Part raus hat. Er tut, what a man’s gotta do: schwafelt finster mit ebensolchem Blick, gibt überzeugend die unheilige Zweifaltigkeit von Prophet und Vollstrecker und reitet… ääh, segelt sich und seine Mannen auf den ehernen Gleisen seiner Seele in den (Sonnen)Untergang:

“I lack the low, enjoying power; damned, most subtly and most malignantly! damned in the midst of Paradise! Good night—good night! […] They think me mad—Starbuck does; but I’m demoniac, I am madness maddened! That wild madness that’s only calm to comprehend itself! The prophecy was that I should be dismembered; and—Aye! I lost this leg. I now prophesy that I will dismember my dismemberer. Now, then, be the prophet and the fulfiller one.”

Moby-Dick, Chapter XXXVII: Sunset.

***

Wind kommt auf. Die See wird unruhig. Wogen schlagen gegen die Bordwand, die Bühne beginnt zu schwanken und kleine Sturzseen gischten über die Reling. Ich ziehe die Schuhe aus, wate barfuß durch eine Salzwasserlache auf den Planken und denke, dass es Zeit ist, das verdammte Schiff zu verlassen. Die Matrosen tanzen immer noch ausgelassen. Der Seemann aus Belfast winkt mir zum Abschied zu und der Malteser und der Sizilianer passen mich am Bühnenausgang ab. Ob ich nicht noch ein wenig bleiben möchte:

Who but a fool would take his left hand by his right, and say to himself, how d’ye do? Partners! I must have partners!

Aye; girls and a green!—then I’ll hop with ye; yea, turn grasshopper!

Moby-Dick, Chapter XL: Midnight, Forecastle.

Sonst immer gerne, Jungs. Aber ich glaub, ich hab das alles nur geträumt.

Bühnenbilder: Mathias Wendel;
World of Elder Scrolls;
Kai-Uwe Fischer;
Luca Senoner: Mind Thing, i.e. Feel the Freedom, 5. Juni 2009.
Soundtrack: Kirsty MacColl: “Don’t Come the Cowboy With Me Sonny Jim!”, aus: Kite, 1989.

Written by Wolf

12. January 2011 at 12:01 am

Posted in Steuerfrau Elke

Demogorgon Needs a Green

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Wolf hat Kapitel 37, 38, 39 und 40 gelesen:

(Eine hochgewölbte, gotische Kajüte; bei den Fenstern auf den Gehsteig; Wolf auf und ab prokrastinierend)

“Hinter mir lass ich ein weißes, trübes Kielgewässer; bleiche Wasser, bleichre Wangen, wo auch immer ich nur segle”, aber das ist von Ahab. Ach, dass ich gar keinen eigenen Gedanken mehr fassen kann — Monate über Monate sind’s mittlerweil. Äußere mich in Zitaten, den Reliquien aus meinen Bücherpyramiden und von DVDs — geliehenen! — und doch: Hat nicht einer vor drei Jahrtausenden gesagt, da geschehe nichts Neues unter der Sonne mehr?

Müsst ich’s dann nicht wissen, wie ich meine P.E.Q.U.O.D. ans Ziel führ’; wie wir, verbunden durch Pech, Schwefel und Social Media, die Tiefen dieser See ausloten, das uns der Melville eingelassen, das Walgerippe zu vermessen, das er uns gezeichnet?

Horch! neigt sich schon ein weiteres Jahr, ohne dass wir den Wal gesichtet, nur faul auf Deck gelegen, und weiß kaum einer mehr vom anderen, auf welcher Stenge er heut seine Segel kalfatert. Wenn wir nicht selbst genugsam mit den Blättern rascheln, so tut’s die Zeit für uns.

Jürgen

Alles nur Theater…?, 7. März 2010.

Tim Winton: Atem, 9. Juli 2010.

(Verstummt.)

Elke

Bleibe ruhig, alter Grauer, sei nur getrost. Hetzt uns doch niemand. Stehen nicht die Buchstaben gedruckt für die Ewigkeit, wölbt sich der Himmel nicht da droben, steigt und fällt nicht das Meer, hebt und senkt sich der Wind, der uns weiterträgt, und hängen wir unser Segel nicht nach ihm, wie uns selbst beliebt? Ging’s nicht bis jetzt immer irgendwie voran, haben wir nicht ein Kapitel nach dem anderen abgefrühstückt und sind uns darüber die Geschmacksnerven empfindsamer geworden, damit uns auch das nächste mundet?

Mag der Wind flau sein, wir sind es nicht. Es geht nur ein Kapitel nach dem anderen, und für diesmal hast du, unser liebender, sorgender Kapitän, gar viere aufgegeben — und dir wird bang ums Fortkommen?

Nein, nicht das stubengelahrte Aufentern in der papiernen Takelage ist’s, das uns abhanden kommt; alles andre außerbords ist es. Steht doch da oben immer noch “Leben mit Herman Melville” — das einzige an unserm ganzen Weblog, das du nie mit neuer Farbe übertünchen wolltest. Und heißt demzufolge nicht, dass wir je zu dir gekommen sind, dass wir da bleiben, wir nähmen’s uns vor oder nicht?

Hannah

Potz Bassgewitter und Drommeten, jetzt mal langsam mit den jungen Stichlingen hier. Kann man nicht mal in Ruhe fertig studieren und mit Anstand die Probezeit in seinem neuen Job rumkriegen, ohne dass einem gleich die Weisheiten aus den Fledermausärmeln purzeln sollen? Hey, ich hab mir gerade erst die Rathjen-Übersetzung gekauft und lange nicht so weit gelesen wie ihr, und jetzt kommen sie einem gleich mit vier Kapiteln auf einen Sitz. Was soll das überhaupt mit den geschwollenen Reden in verteilten Rollen? Ich hab eine Reise gebucht durch einen Roman, keine Operette.

Wolf

Na schön, meine Marlspiekerchen, wie geht’s dann weiter?

Daniel Göske

Ich, Ismael, war einer aus dieser Mannschaft: gemeint ist die im 36. Kapitel auf dem Achterdeck in Ahabs Bann gezogene Mannschaft, nicht die unbändig feiernde Schar auf der Back in dem (vielleicht früher abgefaßten) operettenhaft-szenischen Kapitel 40, das Melville zusammen mit den Monologen der Kapitel 37 bis 39 offenbar nachträglich einfügte.

Thomas Carlyle: Sartor Resartus, 3. Buch, 18. Kapitel

Picasso's Woman, 11. Dezember 2009Was ist Irrsinn […]? Der Irrsinn wird wie einst so auch in Zukunft etwas Grausig-Rätselhaftes bleiben, ein ganz und gar infernalisches Brodeln der untergründigen, chaotischen See, das durch dies hübsch bemalte Oberflächenbild der Schöpfung dringt, das auf ihr schwimmt und das wir die Wirklichkeit nennen.

Wolf

Jaja, ist gut, das unterstellt der Göske, dem Carlyle folgend, dem Ahab und dem Melville mit zugleich, und redet damit keinen von beiden besser als die Freizeit-Konstruktivisten im Ausguck. Vielleicht kaufen sich alle noch einen schwarzen Rollkragenpullover, was doch sowieso Hannahs allererster Vorschlag war, dann kriegen sie den ganzen Tag das ganze Jahr frischen Kaffee hingefahren und müssen nie mehr Wasser anschauen, als was in der Seine vorbeiplätschert.

Was Irrsinn, was Verwirrung! Wenn ihr schon die Auswahl habt, was ihr von der Welt wahrnehmt — was sucht ihr euch nicht was Gescheites aus? Das heißt auch Respekt, das heißt Verantwortung — vor euch selber und vor jedem, der euch zuhört. Wenn ihr weinen müsst, was lacht ihr nicht unter euern Tränen? Ihr habt Schauen und Schreiben gelernt — wohlan, gebraucht es, hier und jetzt!

Französischer Seemann

Beat thy belly, then, and wag thy ears. Jig it, men, I say; merry’s the word; hurrah! Damn me, won’t you dance? Form, now, Indian-file, and gallop into the double-shuffle? Throw yourselves! Legs! legs!

Wolf

Aye, mates. So will ich euch sehen.

Bild: Picasso’s Woman, 11. Dezember 2009.

Written by Wolf

1. December 2010 at 12:01 am

Posted in Steuermann Wolf