Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for September 2008

Eigentlich sollten wir erwachsen werden.

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Update zu Feuerwerk! Powerpilz! Firlefanz! Lichtermeer!:

Flip-Flops auf KopfsteinpflasterDas “Web 2.0” erlebt schon sein erstes Revival: Die Phrixuscoyotin hat ein Stöckchen geschnitzt. Wo ich sowieso ein solches Faible für Retro-Sachen hab, kann ich auch gleich ein paar Kindheitserinnerungen zusammenkramen, vielleicht hilft das sogar medizinisch. Ihre Coyotheit gibt vor:

Jeder, der einmal ein Kind war (also fast alle) und alle, die kleine Kinder in ihrer Familie oder dem Freundeskreis haben, wissen es: Schon die Kleinsten haben Grundsätze, Überzeugungen und Vorstellungen, von denen sie nicht abzurücken bereit sind. Auch du wusstest als Kind bestimmte Dinge mit absoluter, unverrückbarer Gewissheit. Vielleicht, dass ein Monster im Schrank wohnt oder dass bei Ebbe das Meer absinkt, weil jemand den Stöpsel zieht. Damals hat es Sinn ergeben. Schreibe mindestens eine deiner damaligen unumstößlichen Überzeugungen auf!

“Mindestens eine” heißt drei, oder? Mich erinnert das ja lebhaft an eine der Userprofil-Fragen auf neon.de, unter der ich 2003 offenbar eingetragen hab (ha, wusst ich’s doch, dass es irgendwann jemand lesen wird):

Früher dachte ich | das Leben sei eine etwas holprige 3D-Simulation mit haufenweise Regiefehlern.
Heute weiß ich | es.

Dieses Muster möchte ich übernehmen. In Reihenfolge aufsteigender Peinlichkeit:

  1. Früher dachte ich | der Hirsch ist der Vater, das Reh die Mutter und das Bambi beider Kind.
    Heute weiß ich | dass man nicht den Disney-, sondern den Attenborough-Filmen alles glauben soll.
  2. Früher dachte ich | bei allen Leuten außer mir ist digitus pedis secundus der längste (Morton’s Toe oder griechische Fußform, die in der Kunst der Antike und Renaissance auf göttliche Herkunft wies).
    Heute weiß ich | dass man Kinder öfter ins Freibad schicken sollte.
  3. Früher dachte ich | im Schlafzimmer meiner Eltern werde ein Dackel gefoltert.
    Heute weiß ich | immer noch nicht, warum ich Einzelkind geblieben bin.
  4. Und als Bonus-Track, um halbwegs on topic zu bleiben, noch was Fischiges: Früher dachte ich | der Schwanz des Karpfens bestünde aus Keks.
    Heute weiß ich | dass man sich in den meisten Weltgegenden, wenn man seinen Karpfen “gebacken” bestellt, unfehlbar als Nürnberger Kindl outet; schon im Würzburgischen wünscht man ihn “blau”. Der Aischgründer, der sich mit Karpfen am besten auskennt, wertet das Backen seiner hochwertigen Spiegelkarpfen sogar als kulinarische Sünde. Ich durfte von den Gaststättenkarpfen, die es nur in Monaten mit r gibt, was meine Eltern sehr ernst nahmen, immer nur die kross gebackene Schwanzflosse knuspern, obwohl sich Karpfengräten eher zum Erstechen als zum Ersticken eignen. Schmeckt ganz gut.

An dem fünfjährigen Selbst, das jeder mal gewesen sein muss, ist nicht mehr viel zu rütteln. Ich glaube ja, dass ab der Empfängnis nur noch Feinschliff an einer Persönlichkeit stattfindet. Mit anderen Worten hatte ich eigentlich schon immer Recht.

Ich reiche alphabetisch weiter an Elke, Jürgen, Sanja, Frau Wirtin Stilke und die Kollegin Tina.

Soundtrack: Ludwig Hirsch: Spuck den Schnuller aus, aus: Dunkelgraue Lieder, 1978;
Bild: Ägyptische Fußform mit dominantem hallux, Fehlschuss mit der Russen-Lomo 2004 vor der Post am Goetheplatz.

Written by Wolf

30. September 2008 at 2:08 am

Posted in Mundschenk Wolf

If You Miss Me on the Harbour

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48° 8′ nördlicher Breite, 11° 34′ östlicher Länge, 519 Meter (und sechs Stockwerke) über dem Meeresspiegel:

Niemand, nicht einmal die Personalabteilung, kann mehr sagen, wer Frau Kreutzer eingestellt hat. Die Unterlagen sind spätestens bei den Feierlichkeiten zum einhundertsten Eröffnungsjubiläum verloren gegangen, mit den Kollegen in der Abteilung redet sie nicht viel. Die Firmenleitung ist es zufrieden, Frau Kreutzer arbeitet gut, sie kennt sich besser im Gebäude aus als jeder andere.

Der Biograph von Robert Walser hat vor Jahren bei seinen Recherchen in einem Antiquariat eine Erstausgabe des Hesperus von Jean Paul gefunden, 1795 vom Künstler signiert und mit einer Leseanleitung für seine Herzensfreundin darin. 1960 bekam die zuständige Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung ein Rezensionsexemplar rein, das sie nicht gleich in die Grabbelkiste für die Kollegen schmeißen wollte: den dritten Band der großen Gesamtausgabe Jean Paul, den Titan im Hanser Verlag. Diese Zusendungen in die eigenen privaten Bestände zu übernehmen, war nicht ganz im Sinne der Verlage, aber geduldet.

Das darin enthaltene Seebuch des Luftschiffers Giannozzo las die Redakteurin zuerst, weil sie sowieso dazu neigte, die Schlüsse vorzuziehen, und es als “Komischer Anhang” fungierte, das konnte nicht falsch sein. Noch einen Grund gab es, auf den sie nur selbst kommen konnte, den sie aber nicht in sich zuließ:

Jean Paul stammte aus Wunsiedel, aus dem tiefsten Franken, landrattiger geht’s nicht mehr. Und er schrieb ein Seebuch. Jedenfalls etwas, das diesen Namen vertrug. Die Redakteurin, übrigens Kreutzer mit Namen, stammte aus Bremen. Aus der Nähe. Delmenhorst. Kennt sowieso kein Mensch. Begreift sich aber als Waterkant. Und versauerte in einem Bergdorf namens München. Da packte Frau Kreutzer die Wehmut über ihr Leben, das schön hätte werden sollen und schon halb vorbei war.

Da erinnerte sich Frau Kreutzer, wie sie 1905 persönlich für die Kaufmannsfamilie Emden & Söhne, mit der sie damals nach München gekommen war, die Hansekoggen und den Merkur auf die Giebel des neuen Geschäftsgebäudes geschraubt hatte. Das hatte sie sich als einziges hanseatisches Mitbringsel der expandierenden Fischkopfhändler überhaupt nicht nehmen lassen. Sie überlegte genau zwei Minuten und bewarb sich inkognito bei den neuen Besitzern zurück, die auch schon wieder seit Jahrzehnten darin walteten.

Nach dem Vorstellungsgespräch, in dem sie sich für eine Achtzigjährige ganz wacker geschlagen hatte, trat sie an die frische Luft, die kaum Salz enthielt, rief “Ahoi!” und rannte übermütig durch den nahen Brunnen am Stachus.

Mehr Seeluft gab München nicht her.

~~~|~~~~~~~|~~~

BIlder: Kaufhaus Oberpollinger, Neuhauser Straße 18, München, selber gemacht. Vollanzeige hinter der rechten Maustaste;
Film: The Big Store (Marx Brothers im Kaufhaus), 1941, der Schluss mit der Rollschuhjagd.

Written by Wolf

28. September 2008 at 1:56 pm

Posted in Fiddler's Green

I thought that I was in heaven but I was sure surprised (Ist das so?)

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Update zu The Whiteness of the Bär:

Thomas Dörflein hätschelt Knut

Knut hat genervt. Das war der schon fast außernatürlich goldige Eisbär, der auf tragische Weise von wirklich allen Medien durchgenudelt wurde, wofür er ja nix konnte, aber trotzdem: Das Beste, was das verzogene nasse Pelzknäuel tun konnte, war endlich erwachsen werden und Ruhe geben, hierin ganz ein Berliner Kind.

Der Mann an seiner Seite, als sein “Ziehvater” im Berliner Zoo gehandelt, hieß Thomas Dörflein und strahlte eine unprätentiöse Sicherheit aus, in allem, was er tat. Sollte es noch Helden geben, war er einer. Ein Typ mit den besten Anteilen aus Vaterfigur, Abenteurer, Naturbursch, Freibeuter, Kumpel und der Zuverlässigkeit höchstselbst. Einer, der es, wenn’s denn so sein soll, hinnimmt, dauernd bei der Arbeit gefilmt zu werden, den man beobachten konnte, wie er mit seiner naturwüchsigen Holzfällerfigur ins kalte Eisbärenbecken kopfspringt, um seinem persönlichen Schützling, einem immerhin Eisbären, das Schwimmen beizubringen, der dafür angeblich waschkörbeweise Liebesbriefe, gar Heiratsanträge bekommt — wahrscheinlich von alleinerziehenden Müttern –, Berliner des Jahres und von der Leibovitz portraitiert wird und sich aufrichtig wundert, wenn er über sich lesen muss, das sich Wildheit und Zärtlichkeit in ihm paaren: “Ja, ist das so?“, was einem in einer wilden Ehe mit zwei erwachsenen und einem gerade mal schulpflichtigen Kind noch so widerfahren kann — so einen holt mit 44 Jahren der Herzkasper.

Thomas Dörflein hat mit 19 als Tierpfleger angefangen. Er konnte Nasenbären, Wölfe, Wind- und Hyänenhunde, Felsentiere, Menschenaffen und das Schlachthaus; den pflegerischen Erfolg mit Knut, dem er den Namen verpasste, weil er wie ein Knut aussah, betrachtete er als Höhepunkt seiner Laufbahn, auch wenn er unliebsame Ehrungen wie den “Bambi” für diese Leistung ausschlagen musste. Zum Einschlafen und zu ihrem einzigen gemeinsamen Weihnachten hat er Knut zur Gitarre am liebsten Devil in Disguise von Elvis vorgesungen.

Einer, der seinen Job tut und nicht weiter als Prominenz geführt werden will. Der Mann taugt zum Vorbild — gerade weil er gar keins sein wollte. Machen Sie’s gut, Herr Dörflein.

Bild: Eisbär Knut mit Pfleger Thomas Dörflein im Berliner Zoo am 31. Mai 2007: GNU;
Lied: Elvis Presley: Devil in Disguise, Aufnahme vom 26. Mai 1963. Alternate video take by Christina M., 6. Januar 2007.

Written by Wolf

24. September 2008 at 3:21 am

The booty be thine!

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Update and conclusion fürs Septembergewinnspiel:

Die Welt da draußen ist eine wilde. Sie ist voller Piraten. Die wildeste Welt von allen jedoch ist die da drinnen: Sie ist voller Piraten.

Allein schon, um den Piraten in sich zu entdecken und zu feiern, ist ein Talk Like a Pirate Day, zugleich Look Like a Pirate Day, pro Jahr zu wenig. Da muss man es machen wie mit dem Geist von Weihnachten, den man in den Rest des Jahres mitnehmen soll. Und hinaustragen in die Welt, die voller gottloser Lumpen steckt.

Die Sau in sich rausgelassen haben gemäß dem Aufruf von Moby-Dick™ im Septembergewinnspiel Billy Budd, Elke und Jürgen. Aus Sicht der dreizehnköpfigen Jury, bestehend aus drei Piraten, drei Literaten, drei Nautikern, drei Jungfrauen und mir selbst, ist das praktisch: drei Teilnhemer, drei Preise.

Billy Budd stellt sich dar als das geheimnisvolle Halbwesen, das sie ist: halb sichtbar, halb erblindet; halber Schnurrbart (kann aber auch an der Ausleuchtung liegen); halb neugierig, halb dräuend; halb großes Mädchen, halb Herr der dreieinhalb Meere. Ein Piratenportrait von ungeahnter Tiefe wie der Marianengraben.

Billy Budd als Piratin

Billy Budd gewinnt Des Schäfers Dafnis Freß-, Sauff- und Venuslieder von Arno Holz, des letzten Dachstubendichters, der auf Erden in 3D erschien, und zwar in der 1963er Ausgabe bei dtv (zuerst 1904), die ich anno 1994 zu Freiburg in Breisgau auf dem Ramsch einer kuschligen Universitätsbuchhandlung (Freiburg besteht aus Rämschen kuschliger Universitätsbuchhandlungen!) abgestaubt hab, in Fraktur und vergriffen.

Elke hat keinen körperlichen Aufwand gescheut und ihre ach so sterbliche Hülle einhändig malträtiert, damit die andere Piratentag feiern kann. Gar nicht zu ermessen ist der Aufwand, das Meer, die Insel, das Floß dorthin und dann auch noch die Besatzung aus vier Piraten gleichzeitig in der linken Hand unterzubringen.

Elke als vier Piraten

Elke gewinnt Das Raben Taschenbuch, die wichtigsten Exzerpte aus dem Magazin für jede Art von Literatur Der Rabe im Haffmans Verlag, bestimmt auch irgendwo vom Ramsch, Ehrensache vergriffen.

Jürgen hat das Dasein als Pirat in modernen Zeiten auf verschiedene Weisen interpretiert. Das Bild, das nicht in den Fundus für künftige Illustrationen eingeht, sondern ihn für den ersten Preis qualifiziert, zeigt ihn als überforderten Medienkonsumenten. Eine Kritik des wilden Mannes im Kontext des Gekapertseins in der Maschine, die den Blick auf eine eigene Ästhetik schärft, oder anders: Was soll man heute groß Wildes machen als mit selbstgebranntem Piratengesöff Piratensender gucken.

Jürgen guckt Piratensender

Der Hauptpreis, ein geradezu einwandfreies Exemplar Das Rätsel des Eismeeres geht deshalb an Jürgen. Das sind Arthur Gordon Pym von Edgar Allan Poe und die Fortsetzung dazu, Die Eissphinx von Jules Verne, in einem Band. Hab ich als das noch beste Stück von einem Stapel Gratisflohmarkt im Treppenhaus der Nachbarn geklaubt, des Sonntags früh um sieben beim Katzesuchen.

Glückwunsch an alle drei und danke für euer Engagement! Ich bin stolz auf euch. (Und ich weiß, dass auch von mir ein Beitrag erwartet würde. Hätte ich auch gemacht, wenn ich nicht mit Genickel wie dem Einrichten neuer Möbel beschäftigt gewesen wäre…)

Rum für alle, yarrrgh!

Soundtrack: If you miss me on the harbour, for the ship it leaves at three, take this snake with eyes of garnet my mother gave to me und That Woman’s Got Me Drinking: Shane MacGowan, leider schon ohne die Pogues, dafür mit den Popes, aus: The Snake, in: MTV’s Most Wanted, 1994.

Written by Wolf

22. September 2008 at 11:18 pm

Posted in Mundschenk Wolf

Don’t benehm dich like a pirate, Acer

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Update zu There’s no business:

Die Vorweihnachtszeit tobt. Jürgen hat mir für ein paar entfernt angebrachte Worte mit einem original Buchhandelsexemplar Flacherland. Die unglaubliche Reise der Vikki Line durch Raum und Zeit von Ian Stewart vermacht, derweil mir zu Hause das wichtigste (na gut: das einzige) Arbeitsgerät dauerhaft kapeister geht, was vermutlich nicht ursächlich zusammenhängt, woraufhin niemals eiliger ein neuer angeschafft und unter wenigen, aber langen Nächten Einsatzes seitens der Firma the missing link eingerichtet wurde, was ja gar kein Mensch zahlen kann. Zahlreichen Dank deshalb an Jürgen und die angetraute Grafik- und IT-Abteilung und ab nach Ebay mit dem kaputten Waffeleisen.

Zwei dieser drei Ereignisse möchte ich in einem einzigen Bild abfackeln: die Ankunft einer mathematisch-philosophischen Discworld (warum hat man dergleichen nicht vor dreißig Jahren in der Schule durchgenommen?) sowie des neuen Schlachtschiffs gegen Ignoranz und hundertjährigen Büroschlaf.

Und morgen, Crew und befreundete Begegnungen, ist hier Ende, Auflösung und Preisziehung fürs Septembergewinnspiel, yarrrrr.

Acer notebook with Ian Stewart, Die unglaubliche Reise der Vikki Line durch Raum und Zeit

Desktop-Hintergrund: Es fragt ja doch jemand danach, dass die versonnene Wasserfee, die das neue einzige Arbeitsgerät bewacht, von MyFlyAway entlehnt ist.

Written by Wolf

21. September 2008 at 10:53 pm

Posted in Kommandobrücke

Das Wichtigste in Kürze

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Ahoy, me hearties!

  1. Heute ist, wie des langen und breiten angekündigt, Talk Like a Pirate Day. Feiern Sie ihn fleißig, denn damit gewinnen Sie das Septembergewinnspiel, das
  2. verlängert wird. Bis Montag, den 22. September nämlich. Das kommt, weil
  3. dieser Tage mein getreuer Laptop von uns ging. Will ihn jemand? Sein Nachfolger ist schon im Haus. Er heißt Acer, kann Vista und ist doppelt so breit wie Ihrer.
  4. Am Montag hoffe ich diese Harley von Spielgerät eingerichtet zu haben, dann kann ich auch in Ruhe Sachen verlosen und wieder lustige und spannende Abenteuer von Lande und zur See (in der Luft is doof) erzählen. Machen wir das so?
  5. Ja.
  6. bin ich eigentlich gar nicht da. Man sieht sich.

Soundtrack: The Pogues, leider schon ohne Shane MacGowan: When the Ship Comes in, aus: Pogue Mahone, 1995.

Written by Wolf

19. September 2008 at 12:26 am

Posted in Kommandobrücke

Der fehlende Sinn

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Update zum Septembergewinnspiel (noch bis 20. September!):

19. September ist auch der Look Like a Pirate Day! Also mal nicht so zaghaft hier!

Anregungen auf Flickr. Und eine Einreichung ist schon eingegangen. Und zwar gar keine so schlechte. Ich erwarte also etlichen Aufwand, von aus auch in Videoform. Uarrr!

Look Like A Pirate Day by eye-said-it-before.de

Bild: von Malcolm, öh, ausgeliehen, und der von der Quelle, 6. September 2008.

Written by Wolf

15. September 2008 at 4:14 am

Posted in Kommandobrücke