Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Playlist Unheilige Nacht

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Update zu Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu:

“Knecht Ruprecht schwang seine Rute und sprach:

Heißt es bei euch denn nicht mitunter:
Nieder den Kopf und die Hosen herunter?”

Theodor Storm: Unter dem Tannenbaum, 1863.

Die Auswahl muss leider subjektiv bleiben. Es fällt jedoch auf, dass vor allem aus der Weimarer Zeit besonders viele, gute und böse Gedichte überliefert sind, welche sich gegen die bürgerliche Tradition weihnachtlichen Feierns richten, die als überholt, verlogen und der politischen Situation unangemessen empfunden wurde.

Nicht aufgenommen wurden die seit einigen Jahren verbreiteten deutsch-englisch-makkaronischen “Christmaslieder” (etwa “When the last Kalender sheets/flattern through the winter streets/and December wind is blowing/then is everybody knowing/that it is not allzuweit,/she does come, the Weihnachtszeit” pp.), weil offenbar jede Veröffentlichung eigene Veränderungen nach eigenem Richtigdünken anbringt und deshalb keine feststehende Version davon zu ermitteln war. Hier ist offenbar mit Hilfe des Internets ein Volksgut im Entstehen, was ich für ein großartiges Ereignis halte. Schauen wir in zehn Jahren nochmal.

Für Deutschland gesperrt, jedenfalls nirgendwoher einzubetten sind Sarah Silverman: Give the Jew Girls Toys, 2005, und eine anständige Aufnahme von 7 O’Clock News/Silent Night von Simon & Garfunkel 1966 — das Stille Nacht mit den Radionachrichten im Hintergrund, was dermaßen anrührend ist, dass man es zu den Russen auslagern musste: RuTube.

Meine noch zugänglichen Lieblinge sind die Pogues und der Ringelnatz. Sie dürfen gerne Themenverwandtes in Wort, Bild und Ton beisteuern; gerade anglophone und maritim besetzte Beiträge finde unterbesetzt! Mit dem, was Google und Forestle auf “Seemannsweihnacht” finden, hat man keine Freude. Und wenn Sie Verbesserungen und fehlende Veröffentlichungsdaten wissen?

Alphabetisch nach Autoren:

 

Arnfrid Astel: Stille Nacht (1972)

Eine trockene Angelegenheit
dieses Weihnachtsfest.
Krümel vom Christstollen,
Tannennadeln auf dem Teppich.
Aus Langeweile singen wir falsch,
vögeln aus Verzweiflung.
Wir besaufen uns. Es ist zum Heulen.

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Paul Auster, untermalt von Tom Waits:
Auggie Wren’s Christmas Story, in: Smoke, 1995.

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F.W. Bernstein: Weihnachten in der Schule (1994)

Hör mal zu!
Auch du!
Wenn das Jahr zu Ende geht
wird es abends früher spät
alle tragen feste Schuhe
Ruhe!
Weißer Schnee füllt bald die Straßen
Markt und alles ist verlassen
will
Karlchen, sei doch still!
Willig kommt der Weihnachtsmann
hat ein rotes Röckchen an
hell wird jedes Licht
Peter, red jetzt nicht!
Und ein großer Kerzenschein
wollt ihr endlich ruhig sein!
Hüpfet über Stock und Stein —
Karlchen, dich sperr ich jetzt ein!
Und zu unsern Lieben
kommt aus Heu und Stroh
Ruhe endlich! Wo
bin ich steh’n geblieben?

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Biermösl Blosn mit Die Toten Hosen (Campino, der Wahre Heino, Lazy Lemmy): Still, still, still.
Die Studioaufnahme 1998 wurde einst zu einem Funny Forward mit einer schlichten, aber wirkungsvollen 3D-Animation erweitert,
die inzwischen weitgehend aus den Speicherplätzen verschwunden ist.

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Tarquin Britten: Credit Crunch Christmas, 2008.

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Get Well Soon: Christmas in Adventure Parks, 2008.

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Get Well Soon: Listen! Those Lost at Sea Sing a Song on Christmas Day, 2008.

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Heinrich Heine: Altes Kaminstück (1824)

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.

Sinnend sitz ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.

Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.

Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergeßne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.

Schöne Fraun, mit kluger Miene,
Winken süßgeheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigtoll.

Ferne grüßen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehn
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehn.

Wackelnd kommt herbeigeschwommen
Manches alte Zauberschloß;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentroß.

Und das alles zieht vorüber,
Schattenhastig übereilt —
Ach! da kocht der Kessel über,
Und das nasse Kätzchen heult.

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Agnes Hüfner: Weihnachten zu Hause

Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all,
zur Krippe her kommet, in Bethlehems Stall/Pst!
Und seht, was in dieser hochheiligen Nach/Ruhe!
Könnt ihr nicht mitsingen/Der Vater im Himmel/
Na wird’s bald/für Freude euch macht.

O seht in der Krippe/leg die Puppe jetzt endlich weg/
im nächtlichen Stall/Hände auf den Tisch/
seht hier/Kopf hoch/bei des Lichtleins hellglänzendem/
zieh nicht son Gesicht/Strahl/
In reinlichen Windeln/du wäschst dir aber gleich mal die Hände/
das himmlische Kind/Schmutzfink/
viel schöner/abscheulich/und holder/und die Fingernägel/
als Englein/pfui Teufel/es sind.

Da liegt es/lümmel dich nicht so rum/ihr Kinder, auf Heu/
das gute Sofa/und auf Stroh/war teuer genug/
Maria/ich muss das schließlich wieder sauber machen/und Josef/
du könntest deinen Kindern auch mal was sagen/betrachten
es froh/immer hab ich den Ärger/Die redlichen Hirten/
ich geb mir doch bei Gott genug Mühe/ knien betend/
auf den Knien/davor/für euch/hoch oben/
aber ihr/schwebt jubelnd/rotzfrech/der Engelein/Flegel/Chor.

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Erich Kästner: Weihnachtslied, chemisch gereinigt (1928)
(Nach der Melodie: «Morgen, Kinder, wird’s was geben!»)

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen —
lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht —
weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit…
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Anmerkung: Dieses Lied wurde vom Reichsschulrat für das Deutsche Einheitslesebuch angekauft.

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Klabund: Bürgerliches Weihnachtsidyll. (1927)

Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da komm ich nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannenbaum! O Tannenbaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!
Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

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Loriot: Advent. Erstsendung in Cartoon 11, 7. Dezember 1969.

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Gerhard Polt mit Gisela Schneeberger: Abfent, Abfent…!, 2001 (Audio).

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The Pogues featuring Kirsty McColl: A Fairytale of New York, aus: If I Should Fall From Grace With God, 1987. Besonders empfohlen wird die Demo-Version im Duett mit Ur-Pogue Cait O’Riordan, erhältlich auf Just Look Them Straight in the Eye!

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Joachim Ringelnatz: Einsiedlers heiliger Abend (1933)

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: „Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

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Dieter Süverkrüp: Stille Nacht, heilige Nacht (1972)

Stille Nacht, heilige Nacht!
Weihnachtsgeld wird gebracht
durch Herrn Ruprecht vom Lo-hohnbüro.
Schweigend geht die Belegschaft aufs Klo,
zählend, wie viele Krümel
gnädig vom Herrntisch gefalln.

Stille Nacht, heilige Nacht!
Falscher Trost. Oh, wie lacht
der Direktor mit randvollem Mund,
singt uns gnädig zu göttlicher Stund:
»Arbeitsfriede auf Erden!«
Wir fallen mal wieder drauf rein.

Billige Nacht, eilige Nacht!
Ratenkauf, leichtgemacht
durch der Engel Alleluja.
Die gehören zum Werbe-Etat.
Denn der Vater im Himmel
ist Präsident vom Konzern.

Stille Nacht, heilige Nacht!
Lichterbaum angemacht.
Und ein liebliches Liedlein gesingt!
Und ein Eierlikörchen getrinkt!
Und die Kinder geprügelt,
bis sie hübsch andächtig sind.

Gute Nacht, peinliche Nacht!
Fernsehspiel ausgemacht.
Und im Magen ein flaues Gefühl,
weil die Liebe nicht hochkommen will.
Noch zwei Nächte zum Schlafen.
Dann wieder rinn in’ Betrieb!

Stille Nacht, heilige Nacht!
Weihnachtsfest rumgebracht.
Großes Gähnen im Portemonnaie.
Überstunden tun immer noch weh.
Falscher Frieden auf Erden
feierten wir mit den Herrn.

Wilde Nacht, streikende Nacht!
Eines Tages, nicht ganz sacht,
pfeifen wir auf die Gnade des Herrn,
übernehmen mal wir den Konzern
und die Führung im Staate.
Das wird ein Weihnachtsfest wer’n!!!

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Kurt Tucholsky: Weihnachten (1918)

So steh ich nun vor deutschen Trümmern
und sing mir still mein Weihnachtslied.
Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,
was weit in aller Welt geschieht.
Die ist den andern. Uns die Klage.
Ich summe leis, ich merk es kaum,
die Weise meiner Jugendtage:
          O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre
und käm in dies Brimborium
— bei Deutschen fruchtet keine Lehre –
weiß Gott! ich kehrte wieder um.
Das letzte Brotkorn geht zur Neige.
Die Gasse grölt. Sie schlagen Schaum.
Ich hing sie gern in deine Zweige,
          O Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen:
Wer ist an all dem Jammer schuld?
Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?
uns Deutsche mit der Lammsgeduld?
Noch leben die Kanonenbrüder.
Ich träume meinen alten Traum:
Schlag, Volk, die Kriegsbrandstifter nieder!
Glaub diesen Burschen niemals wieder!
Dann sing du frei die Weihnachtslieder:
          O Tannebaum! O Tannebaum!
          Und alle Jahre wieder.

1918 vertont von Hanns Eisler; 1952 Bearbeitung von Ernst Busch: Deutsche Weihnacht.

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(Volksgut, ca. 1980)

Denkt euch, ich habe das Christkind gesehn!
Es kam aus der Kneipe und konnte kaum stehn.
Auf Geschenke braucht ihr nicht zu hoffen:
Es hatte das ganze Geld versoffen.

Es wankte hin zum Tannenwald,
es hatte den Arsch voll Hannen Alt.
Gestern hab ich es wieder getroffen —
Denkt nur, da war es schon wieder besoffen!

Ich blieb gleich stehen und sprach es an:
“Sag, Christkind, wo ist der Weihnachtsmann?”
Da sprach es: “Auf den brauchst du nicht zu hoffen,
der liegt im Wald und ist besoffen.

Gemeinsam gingen wir zum Weihnachtsmann.
Mit glasigen Augen sah er uns an.
Er lallte: “Guten Tag, lieber Bruder, guten Tag, liebe Schwester,
leckt mich am Arsch, bald ist Silvester!”

~~~|~~~~~~~|~~~

(Volksgut, ca. 1980)

Ich ging im Walde für mich hin,
recht weihnachtlich stand mir der Sinn.
Da sah ich ein frierend Mägdelein,
das wollt’ so gern gewärmet sein.

Ich nahm es mit zu mir nach Haus
und zog ihr die nassen Kleider aus,
und weil ich wusste, was sie denkt,
da hab ich sie auch reich beschenkt.

Da sah sie mich ganz böse an
und sprach: “Du bist kein Weihnachtsmann!”
Da sprach ich: “Meine Gute,
siehst du nicht Sack und Rute?”

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Tom Waits: Christmas Card From a Hooker in Minneapolis, 1978.

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The Who: Christmas (1969), in: Tommy (1975).

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Urs Widmer: Im heilig Stall

Es sprach der Ochs zum Es:
wie lieb er trinkt, der Jes.
Auch wir woll bisschen prostern
so bis so gegen Ostern.

Die Tier im heilig Stall
griff froh zur Flasche all.
Wed Es noch Ochs warn schüchtern.
Mar, Jes und Jos blieb nüchtern.

Jes schlief, Mar träumt, doch Jos
schaut auf sein Frau ziem bos.
Der Es sagt: Jos, übs Jahr
hast du vergess wies war.
Dann weihnacht es schon wieder
und du sing Weihnachtslieder.

~~~|~~~~~~~|~~~

Paul Young: Love of the Common People, 1983.

Holzkrippe Oliver Fabel

Krippenspiel: Oliver Fabel, 2009; anständige Auflösung bei Media-Digest, 2. Oktober 2009.

Written by Wolf

22. December 2009 at 1:37 am

Posted in Laderaum

7 Responses

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  1. Hübsche Playlist, dochdoch. Die meisten davon hätt’ ich auch auf dem Zettel gehabt, glaub ich. Der Herren Pogues’ Fairytale of New York sowieso und den Kästner wohl, den daddeldudelnden Ringelnatz-Bötticher und die Biermösl Hosn auch… Hach, und überhaupt spiel ich das Weihnachten vs. Neinachten immer wieder gerne, seit Neuunzehnhundertsagichnicht mindestens. ;o) Wie soll ich da der freundlichen Einladung zu weiteren Textbewerbungen widerstehen?

    “Die meisten Leute feiern Weihnachten, weil die meisten Leute Weihnachten feiern”, hat der Tucho schon gesagt. Darum darf er nochmal:

    Kurt Tucholsky: GROSS-STADT-WEIHNACHTEN

    Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
    die Weihenacht! die Weihenacht!
    Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
    wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

    Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
    Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
    Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
    den Aschenbecher aus Emalch glase.

    Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
    auf einem stillen heiligen Grammophon.
    Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
    den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

    Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
    voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
    dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
    “Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!”

    Und frohgelaunt spricht er vom ‘Weihnachtswetter’,
    mag es nun regnen oder schnein.
    Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
    die trächtig sind von süßen Plauderein.

    So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
    in dieser Residenz Christkindleins Flug?
    “Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
    Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.”

    Ganz mühelos einschlägig auch der

    Erich Mühsam: Weihnachten

    Nun ist das Fest der Weihenacht,
    das Fest, das alle glücklich macht,
    wo sich mit reichen Festgeschenken
    Mann, Weib und Greis und Kind bedenken,
    wo aller Hader wird vergeßen
    beim Christbaum und beim Karpfeneßen; —
    und Groß und Klein und Arm und Reich, —
    an diesem Tag ist alles gleich.
    So steht’s in vielerlei Varianten
    in deutschen Blättern. Alten Tanten
    und Wickelkindern rollt die Zähre
    ins Taschentuch ob dieser Märe.
    Papa liest’s der Familie vor,
    und alle lauschen und sind Ohr …
    Ich sah, wie so ein Zeitungsblatt
    ein armer Kerl gelesen hat.
    Er hob es auf aus einer Pfütze,
    daß es ihm hinterm Zaune nütze.

    Im prosaischen Nachrichten-Slang und drum vielleicht nicht ganz ins obige Format gehörig die Weihnachtgeschichte a la 2009, für den audioaffineren Typ (oder falls die Popup-Vorlage wie gerade eben wieder nicht funzt) auch zum Mithören – von der Lütten, Angelika Mann, vorgetragen auf der Berliner-Rundfunk-Seite.

    Dann noch ein berühmt berüchtigter Unheiliger ausm Osten, als Anwalt einer bereits angesprochenen Zielgruppe – und weil wenigstens e i n e maritime Metapher drin vorkömmt ;o) :

    Rudi Strahl: Kein Christkind kommt

    Weihnachtliche Elegie für Junggesellen

    Bald brennen überall die Tannenbäume
    beziehungsweise nur die Lichter dran,
    und tausend sehnsuchtsvolle Kinderträume
    erfüllt der liebe, gute Weihnachtsmann.

    Das ist die Zeit, in der wir Junggesellen
    so schrecklich einsam sind, so ganz allein,
    und uns nun doch die bange Frage stellen:
    Du lieber Himmel – muß denn das so sein?

    Denn auch die Lieblingskneipe hat geschlossen
    und selbst der Wartesaal ist gähnend leer.
    So treibt man nun, beklommen und verdrossen,
    als Weihnachts-Strandgut durch das Häusermeer.

    Und guckt sich um, ob nicht ein Christkind käme
    (zur Not auch eins, das keine Flügel hätt)
    und einen sacht und liebreich mit sich nähme –
    man folgte ihm. Sogar ins Himmelbett.

    Doch keines kommt. Man trifft nur Junggesellen.
    Und einer schleicht am andern scheu vorbei.
    Und jeder scheint sich heimlich vorzustellen,
    daß ers die längste Zeit gewesen sei.

    Und wer sich das zur Mahnung und Bekehrung
    nun endlich auch zu Herzen gehen läßt,
    der – hat zur nächsten Weihnacht die Bescherung!
    In diesem Sinne, Freunde: Frohes Fest!

    Last but not least, außerdem, um nochmal die (zwar dänische, doch anglophone) auditive Fraktion zu stärken und weil sie sich hier auch ganz gut machen, wie ich finde, die Raveonetten samt schlonzigem Christmas-Song. Den man, da ebenfalls stur-youtüblich in jeglicher Version daselbst ausgemerzt, inzwischen sonstwoher kramen muss. Bedankt seien in diesem Fall die freundlichen fliiby.com-er.

    Stülle Nacht und stillvergnügt’s (Un)Weihnachteln dir, lieber Wolf. *** :o)

    hochhaushex

    24. December 2009 at 12:05 pm

  2. Hehe — stimmt, manches von denen ist mir auch unterlaufen und einer ganz & gar unheiligen Selektion zum Opfer gefallen. Aber gut, dass dus im Kommentar bringst — es ergeht Ermunterung zum Verfolgen der Links.

    Was ich dringend reineditieren musste: Die Tom-Waits-beschallte Christmas Story aus dem heimatlichen Brooklyn. Das ist nämlich aus “Smoke”, mithin eins der beiden tollen Drehbücher von Paul Auster, also ziemlich weit oben in der Liste, und wird ab heute Abend… aber pscht, das darf la Wölfin erst in ein paar Stunden wissen :o)

    Nollaig Shona Duit alle miteinander!

    Wolf

    24. December 2009 at 12:55 pm

  3. Meinst du den hier? ;o) Stümmt, den kann man gar nicht genug irgendwo reineditieren – pschscht, aber weiter verrat ich nix… was nicht eh schon jeder mit den dafür sensiblen Öhrchen und Äuglein und Seelenwindungen wüsste. :o) —

    Wobei mir auffällt, dass der gute alte Mr. Waits in diesem Jahr würdiger 60er-Jubilar geworden ist.

    Weiterhin: Oh, du fröhöhliche…

    hochhaushex

    24. December 2009 at 1:38 pm

  4. Genau den — der inzwischen nochmal sauberer raufgeladen is, vier Sekunden länger, die diesmal anscheinend nicht vom Anfang abgeschnippelt sind.

    Beschenken wir uns nicht alle immer bloß selber, wenn wir vorgeblich für wen anders Geld ausgeben? Sogar die wichtigen Jubiläen verpennt man. — Durchhalten, bald is wieder Arbeitstag.

    Wolf

    24. December 2009 at 2:14 pm

  5. I conclude Xmas is a sort of Rohrschacht blotch. The various views on its meaning reflect the viewers mind.

    cantueso

    29. December 2009 at 11:37 am

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