Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Call me Fishmael

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Update zu (… und hört schon auf, mich dauernd Ismael zu nennen):

Volker Jahr berichtet in der Lesemaschine seit Aberwochen darüber, wie er Georg Forster: Reise um die Welt. Illustriert von eigener Hand nicht liest. Man hat schon weit Unspannenderes mitverfolgt.

Salzte James Cook nach?

“Stattlich und feist erschien James Cook am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.”

Das könnte der erste Satz im hochpreisigen Forsterband sein: Forster beobachtet seinen Kapitän aus der Kajüte heraus bei der Morgentoilette, während er selbst über einer Tierzeichnung brütet. Aber vielleicht auch nicht. Ich habe ja keine Ahnung, bis Weihnachten ist es noch lang und ich habe damit begonnen, mir mögliche Buchanfänge auszudenken, um nicht in völliger Duldungsstarre ausharren zu müssen. Waren die Forsters zum Essen in der Offiziersmesse zugelassen? Dann könnte der erste Satz lauten James Cook salzte nach. Aber auch dies eher unwahrscheinlich, denn dann hätte er ja heimlich bei Grass abgeschrieben und den alten Zausel so vor 200 Jahren schon salonfähig gemacht.

Ich fange noch mal von vorne an und variiere ein wenig, vielleicht geht es ja mit einer Selbstbeobachtung los:
Stattlich und feist stand ich am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Könnte passen, denn Forster schien einen Hang zur Fettleibigkeit aufzuweisen, wie die Notiz eines Zeitgenossen in seinen späteren Jahren nahe legt: “Er war dicker geworden, dicker denn je. Die Knöpfe vom Halskragen seiner Hemden sprangen ab.” Aber kann diese Anlage angesichts der Schiffszwieback-und-Pökelfleisch-Diät auf der Erdumrundung zum Tragen gekommen sein? Doch wohl eher nicht.

Hat er seinen Bericht möglicherweise mit einem Nachruf auf seinen schwierigen Vater begonnen?
Heute ist Papa gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiss es nicht.
Unsinn, denn Reinhold Forster hat die Reise ja lebendig beendet und seinen Sohn letztlich sogar überlebt. Vielleicht hat er stattdessen seine der fliegenden Gicht geschuldete Unfähigkeit porträtiert, an den allmorgendlichen Bordspielen teilzunehmen:
Reinhold Forster war schon vierzig Jahre alt und immer noch so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte.
Nein, das klingt zu uninteressant für einen Buchanfang, aber lagen in dieser Verweigerung eventuell die gegen Reinhold Forster verhängten Sanktionen begründet und wurden vom Sohn sogleich literarisch verarbeitet?
Jemand musste Reinhold verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Könnte schon eher zutreffen, wenn man sich anschaut, dass sein Vater mehrmals von Cook unter Kajütenarrest gestellt worden ist.
Oder breitet Georg zum Anfang minutiös seinen Tagesablauf vor uns aus?
Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Auch das nicht unwahrscheinlich, denn was soll man ohne Fernseher, I-Phone und Internet in seiner kleinen Kabine schon anfangen, 1111 Tage lang.
Luana, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden… Denkbar, möglicherweise hatte er ja auf einer der angesteuerten Südseeinseln nach einem Landgang was am Laufen, der Junge war 17 und auf einem Schiff voller Männer unterwegs, aber würde man so einen wissenschaftlichen Reisebericht beginnen?

Ich sehe schon, das bringt alles nichts, ich sollte einfach geduldig abwarten und mich wie ein Maulwurf langsam aber stetig auf die greifbar nahen Festtage zubewegen. Jan Schumacher vom Eichborn-Verlag ist zum Punkt geworden, ich bin eine Linie. Ich komme voran.

Kaufen, kaufen, kaufen (in dieser Reihenfolge):

Und für mich einmal den Forster, bitte.

Written by Wolf

15. December 2007 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

5 Responses

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  1. Großartig zu lesen. Und die Kauftipps hervorragend, trotz Ermangelung dessen, dass ich nur Nadolnys Werk kenne, den “Proceß” nicht zu Ende gelesen habe und mir ein Butt im Bootsbau mehr sagt als in der Natur. Die Entdeckung der Langsamkeit hab ich auf jeden Fall auch für mich gemacht.

    Billy Budd

    15. December 2007 at 2:15 pm

  2. Die Kauftipps sind exaktemang die Bücher, die Volker Jahr anscheinend zumindest angelesen hat. Muss man in Wiklichkeit gar nicht kaufen: Entweder hat man die oder sie verstauben in der Stadtbibliothek.

    Und wenn jemand Marcel Proust tatsächlich gelesen hat, macht er gleich eine Website drüber:
    http://vertr.antville.org
    http://www.waggish.org/proust
    http://www.tempsperdu.com
    (siehe das kürzliche Life and Death and All That’s Bittersweet)

    Wolf

    15. December 2007 at 3:11 pm

  3. Hey, gerade erst gesehen, dass ich hier zitiert werde, nett. Für die vollständige Dechiffrierung fehlt aber noch der Link zu den letzten beiden Sätzen des Textes, diese allerdings keine Anfangs-, sondern Schlusssätze.

    Volker

    10. January 2008 at 5:28 pm

  4. Welch Glanz auf meinem Weblog. Willkommen schön.

    Die award-winning Schlusssätze der großen Frau Passig hab ich wirklich nicht als Zitate wahrgenommen, es ist schandbar. Ist selbstverständlich behoben.

    Wolf

    10. January 2008 at 11:23 pm

  5. […] zu Call me Fishmael, Pretty Good Kunitzburger Eierkuchen und Kein Wunsch, 125 zu werden: And Anxiety’s Plenty For Me: […]


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